NEW: doorsfeeling im 21. jahrhundert
Backdoors live im Logo Hamburg

© Nina Schober
regioactive.de - 29.07.2009


 

Let Them Live On

 

© by Martina Plieger
The Hamburg Express - 29.09.2005



 

Texte © Iris Wilke

 

Back to the roots

 

Jam Session

 

Mein Dank an die Backdoors

 

Die Königsschlange

 

Das Highlight im Riff

 

Ship Of Fools

 

Eine heiße Nacht mit den Backdoors im Logo

 

Einfach wunderbar in der Wunderbar

 

Trance mit den Backdoors

 

Party mit den Backdoors!

 

Die Tür

 

Abgehoben

 

 


Foto © Jürgen Bamberg

 

 

 

 

 

 

 


Die Tür

  
Der Winter wollte in diesem seltsamen Jahr 2006 kein Ende nehmen. Es hatte sogar noch im April geschneit und ein jüdischer Mystiker hatte für dieses Jahr einen großen Atomkrieg prophezeit. Das war gar nicht so abwegig, denn der Iran und die Großmacht Amerika spielen mit den schlimmsten Gedanken. Aber in meinem Alter hat man sich beinahe schon daran gewöhnt, auf einem Pulverfass zu leben. Das heißt aber nicht, dass man nicht mehr gegen den Strom schwimmt und sich nicht mehr auflehnt. Wenn ich resignierte, dann wäre ich kein Fan von Jim Morrison. Er hat auch immer an die Macht der Musik und die Magie der Worte geglaubt. Das Konzert der Backdoors sollte diesmal am 12. Mai stattfinden. An diesem Tag hatte es ein wenig geregnet, nachdem der Frühling mit Glanz und Gloria und Sonnenschein endlich eingezogen war. Es gab einige Leute, die hatten wirklich befürchtet, dass es keinen Frühling in diesem Jahr geben werde. Gott hatte im Abendsonnenschein über St. Pauli einen wunderschönen Regenbogen in den Himmel gezeichnet. Jedenfalls hatte mir das mein alter Freund Deva am Telefon erzählt, als er gerade aus dem Fenster blickte. Ich hatte zuvor meine schwarze Lederhose und mein türkisfarbenes Doors-T-Shirt angezogen. Mein Sohn machte noch ein kleines Nickerchen auf dem Sofa, während ich voller Vorfreude mit Deva am Telefon über das bevorstehende Konzert plauderte. Deva war an diesem Abend mit zwei Freundinnen verabredet - und während er mir davon erzählte, hörte ich immer wieder seine staunenden Rufe am Telefon, weil der Regenbogen so schön war. Es ist schon seltsam, aber immer wenn ich ein Konzert der Backdoors besuche, dann gibt es ein Himmelszeichen. In allen Religionen und Kulturen will der Regenbogen das Glück verheißen und mein eigener Rufname ist eng mit diesem Symbol verbunden. Also nahm ich das Himmelsschauspiel als gutes Omen.

   Nachdem ich den Hörer auf die Gabel gelegt hatte, weckte ich meinen Sohn, denn er wollte mich an diesem Abend unbedingt begleiten. Er hatte mit mir vor drei Jahren das erste Konzert mit der Gruppe erlebt. Die Backdoors hatten ihn damals total begeistert. Es war die Zeit, als ich zusammen mit Annemarie Ruf einen Roman begonnen hatte, der den Song »End Of The Night« umkreiste. Die Stimmung dieses Liedes hatte sich damals in mein Gemüt gebrannt. Inzwischen sind drei Jahre vergangen und der Roman wird in wenigen Wochen beendet sein. Der Kreis will sich schließen und das Ende der Nacht bricht an.

   Auf dem Weg zur S-Bahn begegneten wir zwei jungen Männern mit langen Haaren. Als sie mein neonfarbenes T-Shirt erblickten, begann der eine von ihnen zu singen: »When the music's over turn out the light!« Sofort zog die helle Freude in meinem Herzen ein, weil allein das Konterfei von Jim Morrison wildfremde Menschen auf der Straße zum Singen anregt. Ich sang diese Zeile auch noch einmal und winkte dem jungen Mann zum Abschied. Auf dem Weg ins Logo wirkte alles sehr friedlich und feierlich. Die Bäume waren endlich grün und schräg gegenüber dem Dammtorbahnhof leuchten hell die Lichterketten um ein Zirkuszelt. Auf einmal fiel meinem Sohn ein, dass er kein Geld in der Tasche hatte, und so mussten wir noch einen kleinen Umweg zum Bankautomaten machen. In diesem Moment war mir klar, dass wir den ersten Song der Backdoors wohl verpassen würden. Aber wenn das Leben im Fluss ist, dann lässt man sich führen und vertraut darauf, dass alles im Einklang ist. Innerlich steigerte sich durch diese Verzögerung meine Vorfreude auf das Konzert und die Begegnung mit Jim Lizardking und Jan-Erik Hubele, dem Autor des Buches »Zwischen Himmel und Hölle. Jim Morrison in Paris« Jan-Erik Hubele lebt in Kaiserslautern und besuchte wieder einmal unsere Hafenstadt. Natürlich wollte er bei dieser Gelegenheit die Backdoors auch einmal live erleben.

   Von weitem sah ich dann schon, wie eine kleine Menschentraube im Logo verschwand. Das Konzert hatte wohl gerade begonnen. Als wir den dunklen Höhlenbauch des Logo betraten, fühlte ich mich in der vertrauten Umgebung gleich geborgen. Hinter dem Empfangstresen stand wieder dieser schöne junge Mann, den ich vor drei Jahren auch hier erblickt hatte. Der Kreis will sich schließen, dachte ich wieder. Es war noch viel Platz um die Bühne im Auftrittssaal und das empfand ich als sehr angenehm, denn so konnte man sich freier bewegen. Jim Lizardking und Jan-Erik Hubele standen gleich vorne an einem der Tische und wir nahmen uns gleich zur Begrüßung in die Arme. Mein Sohn strahlte, als er die beiden erblickte und ich merkte sofort, dass Jan-Erik Hubele ihm auf Anhieb sympathisch war. Aber nach wenigen Minuten zog der Sänger der Backdoors wieder alle Blicke an sich. Der Laden war zwar nur zur Hälfte gefüllt, aber die Atmosphäre war herrlich. Im Publikum waren ganz junge Leute, die sich nach kurzer Zeit von dem Sänger nach vorne locken ließen. Man merkte, dass die Musik in kürzester Zeit wirklich ihr Herz berührte. Ich sah auch eine ältere Lady, die wohl ungefähr in meinem Alter war. Sie tanzte wie ein junger Derwisch im Hintergrund. Bald war mir klar, dass die Backdoors ihr Repertoire an diesem Abend vollkommen geändert hatten. Zur Begrüßung erzählte uns der Sänger, dass jemand das Wort »Arschlöcher « auf ein Plakat geschrieben hatte. Er musste dabei herzlich lachen und meinte, das wäre schon ganz richtig, denn der Name Backdoors bedeutet im amerikanischen Slang tatsächlich Arschlöcher. Er lachte noch einmal und winkte fröhlich: »Die Arschlöcher begrüßen euch! « Jim Lizardking hielt sich vor Lachen den Bauch und Jan-Erik warf grinsend den Kopf nach hinten. Mein Sohn strahlte bald wieder über das ganze Gesicht, als die Backdoors ihr Medley anstimmten. Die Orgel hörte sich diesmal sehr gläsern an, als wären die Töne dem Zeitalter des Barock entsprungen. Das Schlagzeug war noch dynamischer geworden. Die Stimme des Sängers hatte diesmal einen magischen Hall im Refrain. Als die Gruppe den berühmten Song von Kurt Weill anstimmte, legten sich die jungen Leute die Arme auf die Schultern und tanzten im Reigen, so wie ich es in meiner Jugendzeit so oft erlebt hatte. Die Friedenstaube flatterte wieder unsichtbar über unseren Köpfen. Die Gitarre ließ mich diesmal an einem gewissen Punkt ins Zeitlose abheben. Es ist ein Gefühl, dass man kaum beschreiben kann. Man lässt sich einfach von der Musik tragen und alle Gedanken sind ausgeblendet. Die Zeit ist aufgehoben und es ist, als würde man durch das Universum schweben. Wenn wir mit dem Zeitlosen verbunden sind, dann kommen wir Gott näher. Ich hörte die Stimme des Sängers: »Get together roll roll roll « und diese Worte waren wie ein göttliches Mantra. Am Rande der Bühne saß ein junges Menschenkind im Lotussitz, und es schien mir, als wäre es mit dieser Musik auch in Meditation versunken. 

   Bei dem Song »Love Me Two Times « juckte es wieder in den Beinen und es war so herrlich vor der Bühne zu tanzen. Immer wieder kamen Leute ganz nah an die Bühne, um ein Foto zu machen. Der Song »Light My Fire« ließ diesmal wieder alle abheben. Die Gitarre erinnerte mich an diesem Abend oft ganz entfernt an den Gypsy-Swing von Django Reinhardt. Als ich dem Gitarristen nach dem Konzert von diesem Eindruck berichtete, bestätigte er mir, dass ich mit dieser Assoziation gar nicht so falsch lag, denn er selbst und seine Vorfahren waren wohl mit dieser schönen Zigeunermusik verwachsen. Die Songs »Soul Kitchen« und »The End« erinnerten uns bald wieder daran, dass die Zeit mit jedem Takt voranschreitet. Der schöne Abend neigte sich wieder einmal dem Ende entgegen. Wir alle sind unterwegs auf diesem Highway. Die Backdoors fahren mit uns im blauen Bus. Wir tanzen und sind wie verrückt. Warten auf den Sommerregen! Die Musik vereint uns von Zeit zu Zeit. Ich genieße die Harmonie von Augenblick zu Augenblick.

   Der Beifall in der kleinen aber feinen Gemeinde wollte kein Ende nehmen, als das Konzert vorbei war. Es war so schön, gemeinsam zum Mond zu schwimmen. Die Slide-Gitarre will dich immer weiter tragen. Der »Roadhouse Blues« brachte am Ende noch einmal richtig Stimmung in den Laden. Der dadaistische Gesang, diese herrlichen Lautmalereien am Ende des Songs hatten mir besonders gut gefallen. Und nun sollte Schluss sein? Let it roll, Baby, all night long! Nach der Zugabe war der Sänger total durchgeschwitzt, denn er war mit einer Erkältung auf die Bühne gegangen, was aber keiner im Publikum bemerkt hatte. 

   Als das Licht angegangen war, unterhielten wir uns noch eine ganze Weile. Jan-Erik Hubele hatte das Konzert sehr gut gefallen. Er war ganz begeistert von der Performance, weil der Sänger es wie kein anderer versteht, das Publikum in die Show zu integrieren. Jan-Erik Hubele ist (genauso wie Jim Lizardking) ein großer Doors-Spezialist und ein Kenner der Tribute-Bands. Sein Urteil ist immer sehr fundiert und sehr ehrlich. Jim Lizardking freute sich mit mir, weil es für uns alle ein so schöner Abend geworden war. Allerdings war er ein wenig enttäuscht, weil die Gruppe den Song »When The Music's Over « diesmal nicht gebracht hatte. Kurz bevor wir gehen wollten, nahm mich der Sänger noch einmal strahlend und glücklich in seine Arme. Er fragte mich, ob ich traurig wäre, weil die Gruppe mein Lied »End Of The Night« nicht gespielt hatte. Ich antwortete ihm, dass ich darüber hinwegkommen würde. Aber für diesen Verlust wurde ich dann reichlich entschädigt, als er mir die neueste CD der Backdoors schenkte. Ich habe sie mir inzwischen angehört. Sie ist wirklich in einer sehr guten Qualität aufgenommen und vermittelt einen Eindruck von der Lebendigkeit und Kreativität der Gruppe. Ich habe mich über diesen Schatz sehr gefreut. Das erste Stück auf der CD ist eine wunderbare, sehr schöne und psychedelische Aufnahme von »End Of The Night«. So werden mir die schönen Abende mit den Backdoors und die Arbeit an meinem Roman in unvergesslicher Erinnerung bleiben.

   Auf dem Heimweg war mein Sohn in total gehobener Stimmung. Er war der Meinung, dass sich die Backdoors in den letzten drei Jahren total weiter entwickelt hätten, obwohl sie damals doch schon so gut waren. Er schwärmte von den guten Vibes in unserer kleinen Doors-Family. Er freute sich mit mir, weil Jan-Erik Hubele mir eine selbst verfasste Kurzgeschichte schreiben wollte, obwohl ich doch nur um ein Gedicht gebeten hatte. Ich verriet ihm an diesem Abend, dass Jan-Erik ein ganz großer Poet ist.

   Nun liegt dieser Abend schon wieder eine Woche zurück. Ich sitze hier an meinem Computer und möchte meinen kleinen Bericht mit einem mystischen Zitat beenden. Am Anfang dieses Jahres schrieb ich einen Brief an Eugen Drewermann. Er ist wohl der bedeutendste Theologe unseres Jahrhunderts. Er war ein katholischer Priester, dem man das Lehramt entzogen hat; und vor kurzem ist er aus der katholischen Kirche ausgetreten und hat sich die Freiheit geschenkt. Er ist auch ein bedeutender Psychoanalytiker und er hat unzählige Bücher geschrieben und viele Vorträge gehalten. Manchmal ist er auch im Fernsehen zu sehen. Ich verehre ihn sehr. Man nennt ihn auch Jesus von Paderborn, weil er kaum etwas besitzt und seine Einnahmen den Armen spendet. Für mich ist er einer der bedeutendsten Menschen auf diesem Planeten, ein wahrhaft Erleuchteter wie der Dalai Lama. Man kann sich vorstellen, wie erfreut ich war, als Eugen Drewermann auf meinen Brief ganz persönlich und sehr liebevoll geantwortet hat. Dieser Brief ist für mich das Wertvollste, was ich jemals besessen habe. Er schenkte mir auch zwei Bücher. Eines der Bücher heißt »Leise von Gott reden. Meditationen.« Um den Kreis zu schließen, möchte ich noch einmal daran erinnern, dass Jim Morrison einige Zeilen von William Blake entlieh, als er den Song »End Of The Night« geschrieben hat. Der Name »The Doors« entstammt auch einem Gedicht von William Blake. William Blake war ein christlicher Mystiker. Und nun fand ich in dem Buch von Eugen Drewermann folgende Zeilen: »Es scheint schon zur Zeit des ausgehenden 1. Jahrhunderts nach Christus, zur Zeit der Kirche des Johannes, die Frage zu sein, wie man denn mit Berufung auf Jesus Menschen führen könne. In alle Zukunft wird Jesus der Maßstab für das sein, was wir miteinander machen, auch für das, was wir in der Kirche mit uns machen lassen. Ein Hirtenstab lässt sich so oder so benutzen, nach dem Modell der alten Pharaonen und der gottgleichen Machthaber oder in der Weise des Hirtenstabs Jesu. Es bleibt bis in die letzten Worte Jesu hinein die entscheidende Alternative gegenüber seinen Jüngern: »Ihr wisst, dass die scheinbar Mächtigen sich Wohltäter nennen, aber sie Willküren herunter auf ihre Untertanen. Bei euch soll das nicht so sein, sondern wer unter euch groß sein will, der sei aller Letzter und aller Diener.« Darum kann Jesus hier sagen: »Ich bin die Tür.«

 


Party mit den Backdoors!

Halleluja! Die Backdoors feierten am 12. März in der Marktlöcke ihr Bühnenjubiläum und den Geburtstag ihres Sängers.

Die Auftritte der Backdoors sind immer wieder ein schönes Ereignis für alle Doors-Fans und alle Musikfreunde, die ihrer Lebensfreude gern Ausdruck verleihen. Die Backdoors sind gar nicht mehr wegzudenken. Und deshalb war ich auch voller Vorfreude, als ich mit der U-Bahn zu diesem Konzert fuhr. Es war immer noch kalt und der Frühling wollte sich nicht blicken lassen. Ich stieg aus dem U-Bahnschacht und überquerte die Straße, als mir schon der Song  „The Crystal Ship“ entgegen wehte. Und sogleich fühlte ich mich geborgen und Wärme durchströmte meinen Körper. Jim Morrison erschafft mit seinen Texten immer ein Gefühl der Vertrautheit, spricht die geheimen Gedanken und Sehnsüchte aus. Das Kristallschiff verspricht uns tausend Freuden und die Freundschaft und die Verbundenheit, ganz egal wohin die Reise geht. Die Backdoors haben das Talent, diese Freude immer wieder frei zu setzen und echte Freunde um sich herum zu versammeln. Als ich die Tür zur Marktlöcke öffnete, kam mir schon gleich ihr freudiger Gruß entgegen.

Die kleine Kneipe war schon gerammelt voll, überall entdeckte ich auch wieder vertraute Gesichter. Jim Lizardking winkte, denn er hatte für mich noch einen Sitzplatz ergattert. Ich begrüßte seinen sympathischen Freund, den er an diesem Abend mitgebracht hatte, aber dann nahm mich die Musik gleich gefangen. Im Publikum sah ich schöne junge Menschen und in Würde ergraute. Keiner von ihnen konnte sich der Magie der Musik entziehen. Die Leute hielten in ihrem Gespräch inne und viele zog es zur Bühne. Immer wieder gingen die Blitzlichter der vielen Kameras durch den Raum, als der Sänger „The End“ mit unglaublicher Intensität und mit viel Humor vortrug: „Mein schöner Freund, das ist das Ende aller sorgsam ausgearbeiteter Pläne, das Ende von allem, was Bestand hat, das Ende. Keine Sicherheit und keine Überraschung, das Ende. Ich werde nie mehr in deine Augen sehen!“

Und wieder wurde mir bewusst, dass Jim Morrison Dinge beim Namen genannt  und Vorstellungen in den Raum projiziert hatte, die bis heute gerne verdrängt werden. Wir denken schon manchmal an das Ende, aber gerade der heutige Zeitgeist geht gerne über diese Ängste hinweg. Man spricht nicht darüber. Hatte mein jüngerer Cousin mir nicht gerade erzählt, dass er mit dem Namen Jim Morrison einen Mann in Verbindung bringt, der den Tod verherrlicht hatte? Leider fehlte mir die Zeit, um ihm dieses Klischee auszureden. Heute philosophiert man nicht mehr so gerne, aber im nächsten Moment sang Peter sein Lied weiter: „Kannst du dir vorstellen, wie es sein wird, so grenzenlos und frei?“ Die Lieder regen immer noch zum Nachdenken an. Deshalb sah ich bei diesem Konzert auch so viele verträumte Gesichter. Aber dann wurde der Sänger pathetisch, als er seine Stiefel anzog und die Ahnengalerie durchschritt, bis er in einem der Räume den Bruder antraf und sich dann auf seinen Humor besann und einen kleinen Dialog mit dem Bruder begann, einen Text, den Jim Morrison nicht vorgesehen hatte: „Hallo Andy, wie geht es dir? Was machst du so? Alles in Ordnung?“ Und dann fiel dem Sänger ein, dass er ja ein Einzelkind war und niemals einen Bruder gehabt hat. Ich musste herzlich lachen!

Der Abend wurde immer bunter und fröhlicher. Es war gar nicht so einfach, sich an den Tresen zu drängeln, um noch ein Bier zu ergattern. Die Kellnerin bugsierte die Gläser im Slalom zu den Gästen. Um Mitternacht übereichten wir dem Sänger Blumen und er bedankte sich mit einem Küsschen und steckte sich den Strauß in die Lederhose. Schön verpackte Geschenke wurden ihm überreicht und ein eigens für ihn komponiertes Geburtstagsständchen wurde feierlich vorgetragen. In diesem Rap ging es darum, dass man ja nichts dafür kann, wenn man wieder ein Jahr älter geworden ist und dabei wurde der gute Peter bejubelt und ganz liebevoll auf die Schippe genommen.

Nach einer feuchtfröhlichen Pause ging das Konzert dann weiter. Der Sänger hielt das Mikrofon ins Publikum und alle sangen mit. Er ging vor seiner Freundin in die Knie und besang die Liebe, die sich in jeder Ecke versteckt. Ich tanzte mit dem Sänger die kriechende Königsschlange und bei dem Song „Soul Kitchen“ wurde man wieder wehmütig bei dem Gedanken, dieses Lokal bald wieder verlassen zu müssen, den warmen Ofen, die Geborgenheit, um dort draußen wieder in den Neonwald zu stolpern. Wir sangen im Duett: „I like another cigarette, learn to forget. Learn to forget“ Man braucht einen Ort, der das Vergessen der Sorgen erlaubt. Die Musiker ließen sich an diesem Abend ganz neue Melodien einfallen, um die Gäste an diesen Ort des Vergessens zu führen. Wir konnten für eine Weile abtauchen und das Zeitgefühl aufheben: Take it as it comes!

Aber die Zeit läuft synchron weiter. Die Nacht geht zu Ende. Die Gruppe spielte „When The Music`s Over“ und der Sänger zog einen jungen Mann ganz langsam zu Boden, um mit ihm gemeinsam den Sound der Erde zu hören: „Waiting around with our heads to the ground. I hear a very gentle sound. Very near yet very far, very soft, yeah, very clear“   Es herrschte vollkommene Stille, nur der stampfende und sich verlangsamende Rhythmus der Trommel war noch zu hören, als die Kellnerin ganz verzweifelt mit ihren Biergläsern vor diesen beiden hockenden Männern stand, die ganz sicher das tiefe Summen aus dem Bauch der Erde erlauscht hatten. Leider war das Lokal  für die schöne Performance viel zu klein. Die Kellnerin stiefelte einfach über die Horchenden hinweg.

Am Ende spielten die Backdoors noch einmal „End Of The Night“ und Jim Lizardking lächelte mich an und sagte mit leichter Ironie in der Stimme: „Darauf hast du doch den ganzen Abend gewartet!“ Ich nickte fleißig und freute mich, dass die Backdoors „mein Lied“ nicht vergessen hatten.
Das Lied beschwor ein schönes Bild:  Wir reisen der Morgendämmerung entgegen. Dieses Lied ist den Nachtmenschen gewidmet. Die Reise durch diese Nacht wurde von der Musik der Backdoors getragen, aber weit nach Mitternacht mussten wir nun einmal das Lokal verlassen. Die Backdoors hatten die geforderten Zugaben gegeben und mit dem Song „Light My Fire“ waren sie dann für diese Nacht ausgebrannt.

 


 

Eine heiße Nacht mit den Backdoors im Logo

Am 1. August wollten die Backdoors im Hamburger Logo ein Konzert geben. Es sollte ein heißer Gig werden, denn seit Wochen hatte sich eine große Hitze über die ganze Stadt gelegt. Die Luft war schwül und ich fragte mich, wann endlich der Regenmacher in die Stadt kommt. Die Abende hatte ich am Computer verbracht, um das erste Kapitel für einen  Roman zu überarbeiten. In diesem Kapitel ging es um ein Lied der Doors, das die Hauptfigur Anna irgendwo gehört hatte, und das ihr nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte. Die melancholische und psychedelisch verträumte Stimmung des Liedes „End Of The Night“ prägte das ganze Kapitel. Dieses Stimmungsbild schien sich auch auf mich langsam übertragen zu wollen: „Take the highway to the end of the night. End of the night. End of the night. Take the journey to the bright midnight. End of the night, end of the night. Realms of bliss, realms of light. Some are born to sweet delight. Some are born to the endless night. End of the night. End of the night.”

 

In diesen heißen Tagen konnte man in meiner kleinen Dachkammerwohnung nur in den Nächten konzentriert arbeiten. Auch mein Sohn nutzte den kühlen Windhauch der Nächte, um seine Programme in den Computer zu tippen. Ich merkte oft nicht, wie schnell die Zeit verging und war überrascht, wenn die Morgendämmerung schon hereinbrach. Ich hatte mich auch auf den Highway zum Ende der Nacht begeben. Aber meine Reise führte mich nur immer tiefer in den Buchstabenwald. Die Zeilen auf dem Monitor waren dabei das Einzige, was sich bei meiner Reise in die Morgendämmerung wirklich bewegte. In dieser Zeit war der Gedanke an ein Konzert eine willkommene Ablenkung. In der Nacht vor dem Auftritt der Backdoors lief ich noch einmal zur Tankstelle, um erfrischende Getränke zu holen. Dabei entdeckte ich ein strahlendes Licht am Himmel, das sich langsam über das Dach unseres Hauses bewegte. Es war die Raumstation ISS, die zu dieser Stunde über Hamburg schwebte. Manchmal sind Himmelszeichen Vorboten für ein schönes Ereignis.

 

Das Logo ist ein kleiner Musikclub, der sich mitten im Uni-Viertel befindet. Das Konzert der Backdoors sollte um 21 Uhr beginnen. Ich hatte zwei Eintrittskarten besorgt, weil mein Sohn den Auftritt der Backdoors auch nicht verpassen wollte. Eigentlich hört er gerne Rap und Techno, aber die Musik der Doors kann ihn auch immer noch begeistern. Eine Stunde vor Beginn der Show fand ich ihn schlafend auf dem Sofa, weil er die Nacht vor dem Computer verbracht hatte.  Am Abend hatte der Schlaf ihn einfach übermannt und eingeholt.  Es dauerte eine ganze Weile, bis ich ihn aus seinem Tiefschlaf wecken konnte. Er war ganz erschrocken, dass es schon so spät war. In aller Eile machte er sich frisch, dann liefen wir zum Bahnhof.

 

An diesem Abend erhitzte die Sonne immer noch den Asphalt und die Menschen waren wohl alle in den kühlen Schatten ihrer Wohnungen oder ans Meer geflüchtet. In der S-Bahn saßen nur vier junge Mädchen, die sich für ein Vergnügen am Wochenende hübsch gemacht hatten. Auch am Bahnhof Dammtor wirkte alles wie ausgestorben. Hier wälzten sich sonst immer die Massen über die große Verkehrsstraße. Wir sahen nur drei junge Männer in aller Eile einen Bus ergattern, den wir eigentlich auch erreichen wollten. Ich sah auf die Uhr. Das Konzert hatte schon begonnen. Wir entschlossen uns, den kurzen Weg zu Fuß zurückzulegen, dann würden wir nur zehn Minuten zu spät kommen.

 

Im Hellblau des Himmels war kein einziges Wölkchen zu sehen. Dieser Himmel wirkte auch zu dieser späten Stunde immer noch so grell wie eine Leinwand. Nur die Häuser glühten im  Schimmer der untergehenden Sonne. Die Blätter der Bäume hingen schlaff an den Ästen. Es waren kaum Autos unterwegs. Eine seltsame Stille hatte sich um das Logo gelegt. Vor dem Eingang hatten sich einige junge Leute versammelt, die einen ganz verträumten Eindruck machten.

 

Als wir durch die Türe schritten, hatte ich zuerst den Eindruck, ich würde mich in einer dunklen Höhle befinden. Es dauerte eine Weile, bis ich den jungen Mann hinter dem Tresen erkennen konnte. Er wirkte elegant und höflich, als er die Karten abriss und zart den Stempel auf das Handgelenk drückte. Seine ätherische Schönheit konnte mich für einen Moment bezaubern.

 

Die nächsten Schritte führten uns direkt an den Ort des Geschehens. Die Band war in voller Aktion. Ich war froh, dass der Laden nicht gerammelt voll war, denn auch in diesen dunklen Räumen war es so warm wie in einer Schwitzhütte. Direkt vor der Bühne gab es noch einen kleinen Freiraum, die Zuschauer hatten sich alle um den Tresen herum versammelt. In der Dunkelheit konnte ich nur wenige Gesichter erkennen, aber mein erster Eindruck war, dass sich hier junge und wache Geister zusammengefunden hatten. Das Publikum war erste Sahne! Leider konnte ich in der Dunkelheit Jim Lizardking und seine Freundin nicht ausmachen. Diese lieben Freunde gehörten an diesem Abend zum innersten Kern der Hamburger Doors- Fangemeinde. Ich wollte aber auch nicht weiter suchen, denn der Sänger der Backdoors nahm mich gleich gefangen.

 

Die Ähnlichkeit mit Jim Morrison war unverkennbar. Er trug eine Lederhose und ein schwarzes Hemd. Sein brauner Lockenkopf und die Hüften wiegten sich im Rhythmus der Musik. Der ganze Körper wiegte sich in einem Blues. Mir fiel sofort auf, dass diese Ähnlichkeit nicht absichtlich herbeigerufen war. Der Sänger trug keine Maske zur Schau. Allein die Natur musste sich etwas dabei gedacht haben. Ein Sänger, der die Songs von Jim Morrison auf einer Bühne vortragen will, muss Wärme ausstrahlen. Er muss intelligent sein, aber er darf dabei nicht kühl und distanziert wirken. Er muss Charme haben, darf schelmisch lächeln, aber irgendwann muss er alle Emotionen rauslassen. Er muss Kraft haben und männlich wirken, aber er muss dabei aber auch den sensiblen Poeten verkörpern. In jedem Fall muss er mit seiner Stimme einen literarischen, hoch poetischen Text transportieren. Einfach gesagt: Er muss es rüber bringen! Der Sänger der Backdoors schien diese hochbrisante Mischung aus den verschiedensten Charaktereigenschaften von Natur aus in seinem Wesen vereinigt zu haben. Auch seine Stimme entsprach dem Vorbild. Der sanfte Bariton  umgarnte das Publikum. 

 

Die Gruppe legte langsam los und spielte „Break On Through“. Die ersten Tänzer eroberten den Freiraum vor der Bühne. Zuerst waren es ganz junge Männer, aber bald gesellten sich auch die Frauen dazu. Sie hüpften wie ausgelassene Kinder im roten Scheinwerferlicht. Nach einer Weile hatte ich aber ganz vergessen, dass diese Gruppe einen Song von den Doors spielte. Die Musik der Backdoors entwickelte einen ganz eigenen Charakter. Die Gruppe baute eigene Improvisationen in die Stücke ein, die an diesem Abend alles ins Fließen brachte. Es war deutlich zu merken, dass die Backdoors nicht nur einfach die Songs der Doors herunterspulen wollten. Sie wollten nicht nur ein Spiegelbild sein. In dieser Musik lag eine ganz eigene Seele, die sich im Dialog mit dem Publikum langsam entfaltete. Während der Schamane auf der Bühne seinen Blues sang, kamen mir die Augen meines Sohnes ganz entrückt vor.

 

Endlich konnte ich in der Dunkelheit Jim Lizardking und seine Freundin Nina erkennen. Jim winkte mir zu, und ich musste ihm gleich bestätigen, dass die Backdoors einfach klasse waren. Er hatte mir nicht zu viel versprochen. Nina reichte mir die Hand und wirkte so frisch und hübsch, als könne ihr die Hitze nichts anhaben. Die Stimmung in dem kleinen Laden wurde immer besser, obwohl es immer heißer wurde. Ich ging zum Tresen, holte mir ein Bier und betrachtete die Musiker. Der Sänger ließ gerade einen infernalischen Schrei los und sank dann zu Boden. Der schlanke Keyboarder hatte ein markantes Profil und hockte in voller Konzentration über den Tasten. Eine junge Frau mit langen Haaren spielte ganz entspannt den Bass. Ihr Rücken war leicht zurückgelehnt und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Der Schlagzeuger saß souverän auf seinem Hocker. Er hatte das absolute Gehör für die richtige Lautstärke und untermalte gerade den Fall des Sängers. Der Gitarrist trug einen goldbestickten Hut und  wirkte sehr gelassen. Er  verlieh der Musik einen Hauch von Exotik und setzte zu einem Solo an, das die Zuschauer gefangen nahm.

 

Bald war das Publikum in eine leichte Trance geraten. Aber dann spielte die Gruppe heitere Liebeslieder, die Jim Morrison komponiert hatte. Auf einmal hörte ich, wie einige Zuschauer mitsangen. Im Publikum hatte sich ein kleiner Chor gebildet. Anscheinend kannten diese jungen Leute alle Texte der Doors auswendig. Einige liefen zur Bühne und der Sänger ließ sich von einem jungen Mann mit aschblonden Haaren zu einem Duett hinreißen. Danach machten die Backdoors eine Pause.

 

Jim Lizardking lotste mich in den kleinen Raum hinter der Bühne. Die Backdoors hatten sich dort mit einigen Freunden um einen Tisch versammelt. Die Stimmung war heiter und fröhlich. In diesem Moment kam mir die Frage in den Sinn, wie die Backdoors wohl den Song „End Of The Night“ interpretieren würden. Ich hatte diesen Song ja in den letzten Tagen sehr verinnerlicht. Er schien mir so selten und so kostbar wie eine Perle. Aber leider kannte ich ihn nur aus der Konserve. Wieder einmal kam eine leichte Wehmut hoch, weil ich die Doors niemals live erlebt hatte. Ich hatte in meinem Leben schon so viele Konzerte erlebt, nur die  Doors waren nicht dabei gewesen. Sie waren niemals nach Hamburg gekommen, sondern nur einmal in Frankfurt aufgetreten. Ich weiß noch, dass wir uns damals alle ganz sicher waren, dass die Doors auch einmal in den Norden unseres Landes kommen würden. Hamburg war damals eine Hochburg der Fangemeinde. Die Songs der Doors waren an jeder Ecke und in jedem Winkel der Stadt zu hören. Ich kannte wirklich niemanden, der nicht von den Doors schwärmte. Ich weiß noch, wie erschüttert wir alle waren, als Jim Morrison gestorben war. Ich erinnerte mich daran, wie mir die Tränen über die Wangen liefen, als ich in einer Illustrierten seinen Nachruf las. In diesem Moment wurde mir bewusst, wie wichtig die Auftritte von guten Doors-Cover-Bands sind, weil sie dafür sorgen, dass man die Songs der Doors nicht nur über die Musikanlage, sondern live hören kann.

 

Jim Lizardking drückte meinem Sohn eine Kamera in die Hand und er machte ein Gruppenbild mit Dame. Der Sänger war dabei so gut gelaunt und freundlich, dass es mir leicht fiel, ihn darum zu bitten, den Song „End Of The Night“ für mich zu singen. Er wollte mir diesen Wunsch auch gern erfüllen, aber da fiel ihm ein, dass die Gruppe diesen Song gar nicht in ihrem Repertoire hatte. Er fand diesen Song auch sehr schön, und er war der Meinung, dass man ihn eigentlich zu Unrecht vergessen hatte. Der Keyboarder nickte und stimmte ihm zu. Im nächsten Moment fassten sie den Entschluss, diesen Song für den nächsten Auftritt einzuüben. Die Backdoors nahmen noch erfrischende Getränke zu sich. Eine junge Frau, die sich auch um den Tisch der Backdoors versammelt hatte, erzählte mir, dass sie sich in dieser Hitze nach einem afrikanischen Kleid sehnte, das wie ein Zelt geschnitten war. Da fiel mir ein, dass so ein Kleid ja in meinem Kleiderschrank hing, aber da nutzte es niemandem. Die Zeit verging wie im Fluge und die Backdoors eilten wieder auf die Bühne.

 

Am Anfang des zweiten Parts spielten die Backdoors romantische Lieder. Während die Gruppe „Crystal Ship“ spielte, kam ich ins Träumen. Es war eines meiner Lieblingsstücke. Es war ein Lied des Abschieds. Die Gruppe legte ihr ganzes Gefühl dort hinein. Ich sah das Kristallschiff an mir vorüberziehen, gefüllt mit tausend Freuden. Es verkörperte den Aufbruch in ein neues Land, die Sehnsucht nach guten Freunden, die Befreiung von allen Fragen, die niemals zu enträtseln sind. Die Stimmung dieses Liedes animierte die Zuschauer wieder dazu, einfach mitzusingen. Ich war wirklich erstaunt, dass die Leute im Logo so gut singen konnten. Bei dem Song „Love Street“ wurde wieder fröhlich getanzt und der Chor wurde noch lauter. Es war ein schönes Gefühl, in dieser heißen Nacht die Lieder der Doors zu feiern.

 

Danach reihte die Gruppe wieder erdige Blues-Stücke aneinander. Der Sänger konnte das Publikum mit seiner kräftigen Stimme mitreißen. Als die Gruppe dann den Song „Five To One“ brachte, kam wirklich Leben in die Bude. Bei dem Refrain „Get together one more time“ wurde der Chor immer lauter und die Leute tanzten im Kreis. In diesem Moment wurde mir ganz bewusst, dass die Texte der Doors immer noch aktuell waren. Bald darauf entschlüpften dem Sänger die deutschen Worte: „Rockmusik ist schön…“ Der Chor erwiderte in vollkommener Ekstase: „Rock is dead, Baby! Rock and Roll is dead!“ Der Sänger antwortete mit einer schönen Melodie: „Aber Rockmusik ist soo schön…“ Das Publikum antwortete mit einem Rap: „Rock is really dead. Rock and Roll is dead, Baby!“ Das Publikum hatte Jim Morrisons Worte aufgegriffen und ich fühlte mich plötzlich wie in einem Blues-Schuppen mitten in Harlem oder New Orleans. Die Musik der Backdoors war wie eine Zeitmaschine. Die alten Zeiten wurden wieder lebendig. Das Publikum hatte an diesem Abend wirklich bewiesen, dass die Hamburger Temperament haben können.

 

Am Ende des Abends spielte die Gruppe noch einige Songs, die auf L.A. Woman erschienen waren. Es wurde weiter ausgelassen getanzt und zwischen den Stücken hörte man Rufe nach den Doors laut werden. Anscheinend hatten einige Zuschauer ganz vergessen, dass die Backdoors auf der Bühne standen. Nachdem der „Crawling King Snake“ über die Bühne gekrochen war, erklang zum Abschluss „Riders On The Storm“. Die ruhige und sanft dahin gleitende Melodie mit dem Regeneffekt bildete den Abschluss des Konzerts. Mit diesem kühlen Song wollte die Band uns in die heiße Sommernacht entlassen. Aber das Publikum war hartnäckig und verlange eine Zugabe. Mit dem Song „Light My Fire“ wurde am Ende noch einmal richtig eingeheizt.

 

Als das Konzert zu Ende war, gingen die Lichter an und die Anlage wurde langsam abgebaut. Der Gittarist der Backdoors gesellte sich noch einen Moment zu uns. Er erzählte mir, dass die Musik der Doors ein Höchstmaß an Konzentration erforderte. Er musste immer auf seine Einsätze achten, was bei einfachen Rocksongs nicht der Fall war. Aber große Kunst erfordert wohl immer Konzentration, das war in der schreibenden Zunft nicht anders. Als ich ihm erzählte, wie sehr ich den Abend genossen hatte, sah ich die Freude in seinem Gesicht. Die Mitglieder der Backdoors waren wirklich sympathisch. Ich fand es auch schön, dass endlich mal eine Frau zu den Mitgliedern einer Rockband zählte. Jim Lizardking war auch immer noch ganz begeistert. Er verabschiedete sich von mir, weil er mit den Musikern hinter der Bühne noch ein wenig plaudern wollte.

 

Als wir das Lokal verließen, entschlossen wir uns noch zu einer kleinen Nachtwanderung. In Hamburg herrschten auf einmal mediterrane Verhältnisse. Zu dieser späten Stunde waren überall Menschen auf den Straßen zu sehen. Im Sternschanzenpark hatte sich eine große Menschenmenge im Freilicht-Kino versammelt. Ich wollte die heitere Stimmung in dieser Sommernacht noch ein wenig auskosten. Wir holten uns einen Döner und setzten uns im Park auf eine Bank. Auf einmal kamen mir die Zeilen „Rock is dead“ wieder in den Sinn. In diesem Moment wollte ich von meinem Sohn einmal wissen, ob die Rockmusik wirklich tot war. Er sagte: „Du weißt doch, dass die Musik inzwischen von Computern gemacht wird. In den nächsten Jahren ist wohl nur Kommerz angesagt. Eigentlich könnte man sagen, dass die Rockmusik tot ist und es ist auch nichts Neues in Sicht.“ Aber dann sah er mich lächelnd an, als wolle er mich trösten, und sagte: „ Aber so lange es noch Menschen wie die Backdoors gibt, die sich mit einer Gitarre in der Hand auf die Bühne stellen, wird die Rockmusik  nicht sterben.“

 

 


 

Einfach wunderbar in der Wunderbar

Am 5. Dezember 2003 gaben die Backdoors in Lüneburg ein Konzert. Es war einfach hinreißend und deshalb will ich davon berichten.

Um 21.30 Uhr sollte der Gig in der Wunderbar beginnen. Ich hatte mich mit meiner Freundin Edda, die extra aus Helgoland angereist war, gegen 21 Uhr in Lüneburg verabredet. Wir wollten zusammen meinen fünfzigsten Geburtstag nachfeiern. Mein Vater, der nur einen Tag später als ich seinen fünfundsiebzigsten Geburtstag gefeiert hatte, bot sich an, mich mit dem Auto nach Lüneburg zu fahren.

Als wir losfuhren, war es stockdunkel und es regnete leise vor sich hin. Typisches Hamburger Schmuddelwetter. Ich dachte daran, dass Jim Morrison am 8. Dezember seinen sechzigsten Geburtstag gefeiert hätte. Jim Morrison und ich, wir waren beide Schützen der ersten Dekade. Der Schütze richtet seinen Pfeil gegen die Sonne. Er will die Welt erobern und seinen Horizont erweitern. Er ist gnadenlos ehrlich und kann sich brennend für eine Sache begeistern. Aus diesem Grunde fühle ich mich mit Jim Morrison verwandt.

Während wir auf die Autobahn fuhren, erzählte mir mein Vater, dass er als junger Mann auch einmal nach Lüneburg gefahren war, weil er sich dort eine unbekannte Jazzband ansehen wollte. Damals hat er für die Plattenfirma Metronom gearbeitet und war ständig auf Talentsuche. Mein Vater ist in seiner Jugend ein großer Jazz-Fan gewesen. Während des Krieges hörte er heimlich den verbotenen Sender. Er war später mit Chris Barber und Louis Armstrong befreundet. Als ich ein kleines Kind war, habe ich die Gegenwart der Musiker in unserem Haus immer sehr genossen. Die Liebe zur Musik steckt mir im Blut. Allerdings schwelt zwischen mir und meinem Vater immer noch der Generationskonflikt. Mein Vater hat es den Beatles niemals verziehen, dass sie den Jazz verdrängt haben. Mein Vater kann mit der Rockmusik nichts anfangen.

Während ich meinen Erinnerungen nachging, hatte mein Vater derweil im Radio den Klassik-Sender eingeschaltet. Wir sind inzwischen älter und toleranter geworden. Auf Mozart können wir uns beide einigen. Mozart ist ewig jung geblieben: Come on and rock me Amadeus!

Als auf den Autobahnschildern das Wort „Lüneburg“ auftauchte, wurden auch noch andere Kindheitserinnerungen wach. Als ich ein kleines Kind war, machte ich mit der Familie meiner Mutter immer Urlaub in der Heide. Meine Großmutter und ihre Schwester waren noch Wandervögel. Also mussten wir Kinder bei unseren langen Familienwanderungen durch die Heide immer singen: „In der Lüneburger Heide, in dem wunderschönen Land, ging ich auf und ging ich nieder, allerlei des Wegs ich fand.“ Diese Zeilen klingen mir bis heute im Ohr. Die Songs der Doors wären mir schon damals lieber gewesen. Aber meine Großmutter und ihre Schwester schwärmten damals immer noch von Hermann Löns, dem großen Heidedichter.

Ich erinnerte mich an den würzigen Geruch des weißen Sandbodens und den Tannenduft der Wälder. Ich sah die Rehe im Morgengrauen am Rande der Felder stehen und baute mit meiner Cousine Sandburgen am Ufer der kleinen Aue. Manchmal machten wir Ausflüge mit dem Fahrrad nach Lüneburg, um dort den sahnigen Joghurt, frisches Brot und Lakritze zu kaufen. Als ich mich auf dieser Fahrt an die frühen Kindertage erinnerte, fiel mir auf, wie scharf und geläutert die Sinne in der Kindheit noch sind.

Als wir in Lüneburg ankamen, war ich erstaunt, dass es dort immer noch das alte Kopfsteinpflaster und verwinkelte Fachwerkhäuser gab. Die Stadt hatte ihren alten Kern noch erhalten und einen Hauch von Romantik bewahrt. Die Wunderbar lag am Stintmarkt in einer dieser alten Gassen in der Nähe eines Kanals. Die Aura des alten Stadtkerns erinnerte mich ein wenig an das schöne Straßburg. Als ich mich von meinem Vater verabschiedete und aus dem Auto stieg, kam mir meine Freundin Edda schon entgegen. Sie suchte noch einen guten Parkplatz, weil ihr Wagen im Halteverbot stand.    

Wir fanden noch einen Parkplatz an der Hauptstraße und dann gingen wir zusammen in die Wunderbar. Auf der Straße stand eine Tafel, die in Kreideschrift die Backdoors ankündigte. In der unteren Etage waren schon viele Leute um die Bar herum versammelt. Der große Tresen wirkte edel und robust.  Es wurden bunte, exotische Drinks für den Alkoholfreund und für Abstinenzler angeboten. An den Tischen saßen Studenten aus einer schlagenden Verbindung. Edda ergatterte noch einen freien Stuhl. Sie zeigte grinsend auf eine  Steckdose an der Wand und freute sich, weil sie ihr Handy noch einmal kurz aufladen wollte. Als ich die Treppen hinaufstieg, entdeckte ich die Backdoors, die sich gut gelaunt um einen Tisch versammelt hatten. Ich wurde freundlich begrüßt und der Sänger erzählte mir, dass die Gruppe mit ihrem Auftritt noch ein wenig warten sollte, bis der Laden sich gefüllt hatte. Zur Türe strömten immer noch Menschen mit neugierigen Blicken herein. Als ich mich an den Tisch der Backdoors setzte, fiel mir wieder auf, wie warmherzig die Truppe war. Sie sorgten für gute Laune und die Good Vibrations durchfluteten den ganzen Raum.

Als die Gruppe loslegte, war sofort Stimmung im Laden. Der Sänger legte sich mit „The Changeling“ total ins Zeug. „See me change!“ Die Wandlung wurde mit schlangenhaften Bewegungen angedeutet. „Er lebte oben in der Stadt und er lebte unten in der Stadt. Er war überall. Er hatte Geld und er hatte nichts. Aber er war niemals so zerbrochen, dass er die Stadt nicht verlassen konnte. Ich wandle mich. Ich bin die Luft, die du atmest.  Ich bin überall.“ Die Gitarre vollzog in Verzierungen den Wandel unter stampfenden Rhythmen und dynamischen Orgelklängen. Die Hereinkommenden versammelten sich staunenden Blickes vor der Bühne. Staunen über den satten Sound der Band und die kräftige Stimme des Sängers, der alles aus sich herausholte.

Langsam bewegten sich die Hüften der Mädchen zu „Love Her Madly“. „Er liebte sie auch noch, als sie zur Tür hinausging.“ Das fröhliche Liebeslied, das alle Höhen und Tiefen der Liebe beschreibt, ließ das Publikum langsam locker werden. „Er wollte ihr Daddy sein. Er liebte sie wie verrückt. Aber all die Liebe ist gegangen. Sing dein einsames Lied!“

Als die Band „Take It As It Comes“ spielte, kam Bewegung in das Publikum. Es strömten immer mehr Leute zur Tür herein und quetschten sich nach oben zur Bühne. Der Kellner hatte langsam Schwierigkeiten, mit seinem Tablett durchzukommen. Jetzt bewegten sich auch die Hüften der Männer zu diesem eingängigen Lied, das Jim Morrison für einen Yogi geschrieben hatte. „Nimm es, wie es kommt. Zeit zu wandern. Zeit zu rennen. Zeit, den Pfeil gegen die Sonne zu richten. Nimm es leicht, Baby. Nimm es, wie es kommt. Du bist viel zu schnell.“ Die Leichtigkeit des Seins war in diesem Song zu spüren. Die Leichtigkeit des Seins verwandelte sich in gemeinsame Freude. Das Schlagzeug pirschte sich wie ein Tiger an die Kernaussage des Textes: „Zeit zu leben. Zeit zu lügen. Zeit zu lachen. Zeit zu sterben. Nimm es, wie es kommt.“ Der Sänger sprang auf und ab und die Leute klatschen im Rhythmus in die Hände. Alles war entspannt und so leicht an diesem Abend.

Meine Freundin stand hinter mir und stieß mich an, als die Gruppe „Ship Of Fools“ sang. Sie strahlte über das ganze Gesicht und sagte: „Die Band ist einfach toll. Du hast mir nicht zu viel versprochen. Jetzt merke ich, dass ich viele Songs der Doors noch gar nicht kenne.“ Ich freute mich, dass die Backdoors meiner Freundin das Narrenschiff nahe brachten. Die Laune im Publikum wurde immer besser. Das Schiff voller Narren hatte abgelegt und segelte gegen den Wind. Mister Goodtrips kam vorbei, um sich nach einem neuen Schiff umzusehen. Ich trank mein kleines Bier auf das Wohl der Band und fühlte mich langsam abgehoben. Draußen war es dunkel und kalt und regnerisch, aber hier drinnen fühlte ich mich wie im Paradies. Die Musik war Balsam für die Seele. Hier durften wir uns dem närrischen Blues hingeben und der Sänger war dabei, die Sorgen der Leute aus dem Gehirn zu pusten.

Ich war beinahe enttäuscht, als die Gruppe ihre Pause einlegte. Sie versammelten sich wieder um den Tisch und ich war wirklich erstaunt, wie liebevoll die einzelnen Bandmitglieder miteinander umgingen. Es war zu spüren, dass sie wirklich gute Freunde waren. Der Sänger umarmte den Keyboarder, weil er ein tolles Solo hingelegt hatte. Die Bassistin strahlte über das ganze Gesicht. Die gute Laune der Band war einfach ansteckend. Der Sänger und der Gitarrist tranken noch ein Bier und dann wurden sie auch schon wieder auf die Bühne gescheucht.

Die Band spielte wieder einen erdigen Blues und um unseren Tisch herum wurde es immer enger, weil die Zuhörer von der Band total gefesselt waren. Der Kellner kam kaum noch durch, um die Bestellungen aufzunehmen. Die Mädchen tanzten in totaler Verzückung und auch ältere Damen schwangen die Hüften. Auf einmal hörte ich den Sänger meinen Namen rufen. Er verkündete vor versammelter Mannschaft meinen Geburtstag. Ich sollte auf die Bühne kommen. Das Herz rutschte mir vor Aufregung in die Hose. Die eigenen Bewegungen schienen wie eingefroren und in Zeitlupe abzulaufen. Ich bin sehr schüchtern und tauge nicht für das Bad in der Menge. Diese Erfahrung hatte ich schon gemacht, als ich meine erste Ausstellung mit Bildern und Gedichten in Düsseldorf machte. Damals bin ich fast gestorben, als die Menschen sich um mich versammelt hatten. Als ich zur Bühne kam, überreichte mir der Sänger die erste CD der Backdoors. Auf dem Cover war mein Name zu lesen und im Innenteil fand ich eine persönliche Widmung. Diese CD war ein ganz persönliches Geschenk an mich. Ich freute mich wie eine Schneekönigin, nahm den Sänger in die Arme und gab ihm einen Kuss auf die Wange.

Im nächsten Moment spielten die Backdoors den Song „End Of The Night“, den sie nur für mich einstudiert hatten. Als der Sänger diesen neuen Song im Repertoire ankündigte, sprach er noch einmal davon, wie genial der Songtexter Jim Morrison war. Ich fühlte mich sehr geehrt und ein leichter Schauer lief mir über den Rücken, als ich den Song hörte. Er war so nachtfederleicht und verträumt psychedelisch. In mir kam der Wunsch auf, mich nach diesen Traumnoten leicht zu bewegen. Ich suchte noch einen freien Platz vor der Bühne und meine Arme ahmten die Bewegungen einer indischen Tänzerin nach. Inzwischen ging ein Mann mit einem Zylinder durch die Bar und sammelte Geld für die Band. Er war bis zum Rand mit kleinen Scheinen gefüllt. Der Kellner konnte sich nur noch mit Ellenbogenkraft einen Weg durch die Zuschauer bahnen, die sich immer enger um die Gruppe scharen wollten. Als er sich an mir vorbeiquetschte, hörte ich ihn sagen: „Du kannst aber schön tanzen!“ Ich nahm das Kompliment freudig entgegen, obwohl ich nicht wusste, ob er es ernst gemeint hatte. So reisten wir gut gelaunt dem Ende der Nacht entgegen. Am liebsten hätte ich getanzt, bis die Morgendämmerung anbricht. Bis zum Ende der Nacht!

Die Stimmung erreichte ihren absoluten Höhepunkt, als die Gruppe den „Roadhouse Blues“ spielte. Der Augenblick war so schön. „Lass es rollen, Baby, lass es rollen. Die ganze Nacht. Den Augenblick genießen, denn die Zukunft ist unsicher und das Ende ist stets nah.“ Ein Herr im karierten Hemd eroberte den freien Platz neben dem Sänger und tanzte alle überschüssigen Kräfte aus sich heraus. Inzwischen hatte sich der Raum vor der Bühne in eine Tanzfläche verwandelt und der Applaus für die Band wurde nach jedem Stück lauter.

Ich tanzte immer weiter und war einfach nur glücklich. Während dieser schöne Abend sich langsam dem Ende zuneigte, bemerkte ich plötzlich eine übersinnliche Wandlung. Es schien mir, als wäre der Geist des Schamanen Jim Morrison in die Haut des Sängers geschlüpft.  Als die Gruppe „When The Music`s Over“ spielte, unterlag ich der Vision, die Doors zu erleben. Ich liebe dieses Stück mit den Klängen des Synthesizers, der so viele Ornamente und psychedelische Verzierungen findet, bis man glaubt, einfach abzuheben. Persische Nacht, Baby! Sieh nur das Licht!

Der sanfte Regenklang des Songs „Riders On The Storm“ verschmolz mit dem Regen in der Nacht dort draußen und brachte uns langsam in die Realität zurück. Niemand wollte, dass dieser Abend zu Ende geht. Das Publikum applaudierte begeistert, verlangte lautstark eine Zugabe und wurde noch einmal mit „Light My Fire“ belohnt. Als der Sänger von der Bühne ging, sagte ich: „Es war mir, als hätte ich eben Jim Morrison auf der Bühne gesehen.“  Er nickte und sagte lächelnd: „Ich habe seine Anwesenheit auch gespürt.“ 

Am Ende war die Gruppe ziemlich erschöpft. Sie hatten mal wieder ihr Bestes gegeben, wie immer. Die Bassistin hielt mit einem strahlenden Lächeln eine langstielige Rose in der Hand. Meine Freundin Edda versuchte die Gruppe dazu zu überreden, doch einmal nach Helgoland zu kommen. Dort gab es jedes Jahr ein Open-Air-Festival. Schweren Herzens verabschiedeten wir uns von den Mitgliedern der Band und dann stiegen wir in den Wagen und reisten mal wieder dem Ende der Nacht entgegen. Wir fuhren im leisen Nieselregen über die Autobahn und hörten zur Abwechslung die Musik von Led Zeppelin. Edda schwärmte von den Backdoors und wollte alles über die einzelnen Mitglieder wissen. Niemals hätte sie geglaubt, dass eine Cover-Band so gut sein konnte. Wir schwärmten noch lange von diesem Abend und als wir schon beinahe im Morgenrauen die Stadt erreichten, tranken wir in meiner kleinen Dachstube noch ein Glas Wein. Edda hatte mir noch Geschenke mitgebracht und voller Freude packte ich sie aus. Diese Geschenke erinnerten mich daran, dass ich den Zenit meines Lebens schon lange überschritten hatte. Aber die Musik bleibt immer ein Freund, bis zum Ende. Edda strahlte mich an und wir sagten wieder einmal: „Ach wie schön, dass wir diesen Abend auch noch erleben durften.“ Das sagen wir immer nach guten Konzerten.


Trance mit den Backdoors

 

In der Garage ist es dunkel, aber hinter dem Garagentor blitzt das Sonnenlicht hell auf. Der Regenmacher war in die Stadt gekommen. Seit dem Siebenschläfer hatte es nur geregnet  - aber dieser Tag ist der erste Sonnentag gewesen – und nun tanzt das Licht der untergehenden Sonne zum Abschied des Tages zwischen den Bäumen hinter dem Garagentor. Die Zeit vergeht wie im Fluge und die Augenblicke entfalten ihre ganze Pracht im Stillstand – für eine Weile – bis der Eindruck auf der Festplatte des Gehirns gespeichert ist.

 

Mit zunehmendem Alter rast die Zeit wie ein galoppierendes Pferd und eilt uns davon, die Eindrücke vermehren sich bis ins Unendliche und werden ein Teil unserer Erinnerung. Wenn die Zeit davonläuft, wird der einzelne Augenblick immer kostbarer: Die roten Beeren auf den zarten Blättern der Eberesche schaukeln im Wind, während ich aus der Dunkelheit über die Wiese der Kirche entgegenlaufe, um am Bahnhof im kleinen Kiosk noch zwei Dosen Bier zu kaufen. Das Lächeln des Liebsten, als er mir mit aller Sorgfalt die Dose öffnet und mit mir anstößt: „Trinken wir auf das Wohl der Tiere und darauf, dass die Menschen endlich vernünftig werden und sie wie lebendige Wesen behandeln.“ Er hatte gerade ein grausames Tierexperiment im Fernsehen gesehen. Dort wurden Affen so furchtbar gequält, dass man es nicht ertragen konnte, dieses Schauspiel mit anzusehen. Das macht ihn zornig. Er liebt die Tiere über alles. Ich liebe sie auch. Sie können sich gegen den Menschen nicht wehren. Also trinken wir darauf, dass es irgendwann besser wird.

 

Während die Dosen sich noch einmal sanft berühren, sage ich: „Und dann trinken wir noch auf alles, was uns in dieser Welt große Freude bereitet. Lass uns auf die Musik und auf die Liebe anstoßen!“ Ich sehe das Feuer in seinen großen Augen, als er meine Worte wiederholt: „Auf die Musik und die Liebe!“ Meine Augen heften sich an sein bezauberndes Lächeln, während er sich die Hände mit einem kleinen Lappen abwischt. Er zeigt mir die blitzenden Felgen des Motorrads, die er gerade in anmutig gebückter Haltung gereinigt hat. Im Radio ertönt ein Lied von Joe Cocker und jetzt fällt mir ein, dass ich mich langsam auf den Weg zu den Backdoors machen muss. Das letzte Konzert im Logo liegt nun schon wieder ein Jahr zurück, aber es kommt mir so vor, als wäre es gestern gewesen.

 

Das Bier erfrischt und verursacht die Leichtigkeit in meinem Blut, während er mir erzählt, dass Joe Cocker zeitweise kein leichtes Leben hatte. Ich höre ihm zu und lasse mich tragen, von Augenblick zu Augenblick: Take it as it comes! Go real slow, you like it more and more! Diese Zeilen von Jim Morrison gleiten auf ihrer schönen Melodie durch meinen Kopf. Wenn man sich einfach treiben lässt und nichts erwartet, dann kann das Leben voller Wunder und Überraschungen sein.

 

Das Bier ist leer getrunken und ich kann das Zifferblatt der Uhr in der Dunkelheit nicht erkennen. Das Sonnenlicht hinter dem Garagentor schimmert in einem dunklen Goldton. Ich stehe auf, weil ich mich langsam auf die Socken machen muss, denn ich will das Konzert der Backdoors nicht verpassen.

 

Während er die Decke von dem kleinen Hocker zieht, auf dem ich gesessen habe, erzählt er mir, dass er von der Arbeit müde ist und am nächsten Tag früh aufstehen muss, weil er seinem Freund eine Motorradfahrt versprochen hat. Sie wollen eine Wettfahrt machen. Er sieht ein wenig traurig aus, als ich gehen will. Ich bin auch ein wenig traurig. Die kleinen Abschiede sind beinahe so schwer wie die großen.

 

Bevor er das Garagentor für uns öffnet, will er mir noch einmal den Sound seiner Maschine vorführen. Ich höre den satten Ton, den das Motorrad von sich gibt, während er voller Stolz den Kickstarter betätigt. Ich sehe die Freude des kleinen Jungen in seinem Gesicht, während das Motorrad seine Musik macht. Zum Abschied ein Kuss und ich spüre die Wärme seines Körpers, der mich umschlungen hält. Er duftet nach dem frisch gewaschenen Pullover.

 

Wir winken uns noch einmal zu, während er das Garagentor in schwungvoller Bewegung herunterlässt. Die letzten Sonnenstrahlen spielen leuchtend in seinen silbernen Locken. Die Zeiger auf der Uhr sind weit vorgerückt. Zeitsprünge. Die Musik durchmisst die Zeit. Lass dich von ihr tragen, wenn sie kommt. Im Vertrauen darauf, dass alles zur richtigen Zeit am richtigen Ort geschehen wird, laufe ich die Straße entlang, biege um die Ecke, stehe an der roten Ampel und laufe dann weiter. Es dauert nicht lange, bis ich die schmalen Stufen im Treppenhaus erklimme und die Wohnung aufschließe. Ein kurzer Blick in den Spiegel, die Haare noch einmal kämmen, Zigaretten einstecken und schon geht es weiter.

 

Im Eiltempo laufe ich zum Bahnhof zurück. Die kleine Kirche scheint schon zu schlafen, während der Abend hereinbricht. Der Wind weht auf dem Bahndamm. In der Bahn fliegen die Häuser und die Straßen eilig am Fenster vorbei. Die Zeit gewinnt Tempo. Die Zeit hat auch ihre Musik. Im Rhythmus der Bilder öffnet sich das innere Ohr. Man hört die eigene Seelenmelodie im Takt des Geschehens.

 

Während ich durch das Uni-Viertel laufe, zeigt mir der Blick auf die Uhr, dass ich schon zwanzig Minuten zu spät bin. Das Konzert hat schon begonnen. Meine Schritte werden schneller und in mir steigt die Freude auf, denn ich weiß, dass ich jetzt gleich mit der Musik abheben darf. Wissenschafter haben herausgefunden, dass elektrische Gitarren einen Ton aussenden, der im Körper ein Gefühl des Schwebens auslöst. Die Musik der Backdoors wird die Schwere des Alltags aufheben!

 

Im Logo haben sich schon viele Leute versammelt. Die Backdoors lassen im satten Sound die Doors erklingen. Das Publikum hat sich in Grüppchen zusammengefunden und plaudert angeregt. Die Stimmen der Menschen verschmelzen mit der Musik. Das Gemurmel klingt wie eine leichte Brandung. Es ist warm in diesem Raum und ich drängle mich nach hinten, um ein Bier am Tresen zu ergattern. In der Dunkelheit erkenne ich Jim Lizardking und seine Freundin Nina. Ich begrüße die beiden und entschuldige mich dafür, dass ich so spät gekommen bin. Jim lächelt freundlich und versichert mir, dass ich noch nicht viel versäumt habe, denn die Band hat sich gerade erst warm gespielt.

 

Die Musik geht sofort in die Hüften. Dieser Thrill: Touch Me! Ich werde dich lieben, bis der Himmel aufhört zu regnen. Was hat sie ihm versprochen? Er hat keine Angst. Sie soll ihn berühren! Touch Me! Er wird sie lieben, bis die Sterne vom Himmel fallen. Die Romantik der Melodie gipfelt in Ekstase. Der Sänger lockt sein Publikum mit greifenden Händen und tanzt im Kreis nach schamanischem Ritus. Die Plaudernden werden langsam auf ihn aufmerksam. Ich vergesse die Eile, lasse den Alltag mit seinen grauen Straßen und den notwendigen Pflichten einfach von mir abfallen.

 

You make me real! You make me feel! Ich betrachte den Schlagzeuger, der in äußerster Konzentration versunken hinter dem Schlagzeug hockt. Meine Hüften wiegen sich im Rhythmus. Jim Lizardking verzieht ganz leicht das Gesicht, weil der Keyboarder sich für eine Sekunde verspielt hat. Er ist in dieser Beziehung äußerst empfindlich. Er kennt jede Note der Doors auswendig. Ich habe es nicht gehört, denn der Gitarrist hat mich schon ins Schweben gebracht. Mein Herz lauscht den verzierten Monologen, die er sich gerade einfallen lässt. Einige Zuschauer plaudern immer noch und das Geplapper stört den Hörgenuss. Kein Wunder, dass der Keyboarder sich verspielt hat. Der Sänger hockt sich auf den Boden und legt sein Ohr auf die Erde, wie einst Jim Morrison. Plötzlich schreit er laut auf: „Seid endlich still! Ich kann nichts hören!“ Der Ruf des Sängers wirkt wie ein Paukenschlag! Er kann den Schrei des Schmetterlings nicht hören. Die Leute haben es endlich begriffen! Wenn sie jetzt nicht still sind, dann entgeht ihnen etwas: Der Sänger hockt auf dem Boden, versetzt sich langsam in Trance, während die Musiker sich langsam von der Stille inspirieren lassen. Langsam stampfen sie den Blues aus der Erde und das Publikum versammelt sich endlich vor der Bühne und lässt sich gefangen nehmen. Der Sänger hat sie gepackt und lässt das Mikrofon über seinem Kopf kreisen, als wäre es ein Lasso. Aber damit ist der erste Akt schon vorbei und die Gruppe macht ihre wohlverdiente Pause.

 

Plötzlich ist es still. Wo ist die Zeit geblieben? Wohin ist die Musik entschwunden? Die Stille wirkt drückend, nachdem die Band die Bühne verlassen hat. Kurz darauf taucht die Monotonie der Klänge wieder an die Oberfläche: Gläser klirren, Schuhe schlürfen, Leute reden! Das Publikum läuft dem Ausgang entgegen. Jim Lizardking meint nur trocken; „Die Leute wollen heute wohl alle nur an die Elbe.“ Nina und ich müssen lachen. Wird uns das Publikum verlassen, nur weil wir hier in Hamburg zu lange die Sonne vermisst haben? Jim läuft zu den Backdoors hinter die Bühne und eine schöne Freundin der Band erzählt mir strahlend, dass die Backdoors an diesem Abend zum ersten Mal den Song „The End“ auf die Bühne bringen wollen. Während der Pause komme ich mit Nina ins Plaudern.

 

Als die Backdoors wieder auf die Bühne kommen, eilen die Leute schnell wieder in den Raum, als die ersten Töne erklingen. Im zweiten Akt wird alles ganz anders. Das Publikum ist still geworden und versammelt sich um den Sänger. Der Backdoor Man bringt die Leute zum Tanzen. Die Musik gewinnt an Kraft und ich spüre, wie sich meine Hüften von ganz allein hin- und herwiegen. Die Dynamik der Musik zieht mich nach vorn und ich spüre den Magnetismus, der plötzlich in der Luft liegt. Der Sänger singt und spielt den Spion im Haus der Liebe. Plötzlich wechseln die Worte vom Englischen ins Deutsche: „Sie kommt aus ihrem Versteck. Ich kann sie sehen. Sie kommt auf mich zu.“ Er improvisiert einfach mal wieder und ich frage mich in diesem Moment, ob er vielleicht mich gemeint hat. Ich muss lächeln, als ich dem Sänger gegenüber stehe. Seine Antennen sind weit ausgefahren, während die Band seine Worte illustriert. In dieser Sekunde wird alles ganz leicht. Yeah, die Töne reiten auf den Wellen der Zeit. Gleichklang der Seelen. Ich tanze mit den anderen. Wir lassen uns einfach tragen und brechen durch, auf die andere Seite. Der Boden unter unseren Füßen wird ganz leicht: Everybody loves my Baby! She get high!

 

Fünf zu eins, die Nacht kriecht näher, die Menschen schlagen sich in ihren sinnlosen Kriegen die Köpfe ein, aber wir werden noch einmal beisammen sein! Wir feiern mit den Doors das Leben, wir erobern im Tanz den Frieden. Wir erklimmen die Gezeiten und schwimmen zum Mond. Es bleibt nur das Singen. Der Sänger erteilt dem guten, alten Kurt Weill den Segen: Wenn wir die nächste Whiskey-Bar nicht finden, dann sage ich dir: Wir müssen sterben! Meine Beine hüpfen auf und ab, während ein Gefühl der Liebe und der Verbundenheit im Raume schwebt. Der Sänger hält das Mikrofon ins Publikum und wir singen alle mit. Ich tanze und hüpfe und singe wie ein ausgelassenes Kind und bin voller Freude.

 

Wir werden eine Einheit. Wir sind der Chor. Wir sind die Tänzer. Wir feiern das Wunder der Musik an der Hintertür, der einzige Fluchtweg, der ins Leben führt: Hello, I love you, let me jump in your game! Wir lassen uns in Liebe aufeinander ein! Wir spielen das Spiel gemeinsam. Wir tanzen den heiligen Tanz des wilden Kindes. Wir ziehen unsere heiligen Kreise. Ich gerate in Verzückung, als jeder der Musiker ein kurzes Solo spielt. Unsere Hände klatschen den Rhythmus. Der Sänger, die Band, das Publikum, alles wird Musik, alles vereint sich im Rhythmus.

 

Am Ende setzt die große Stille ein. Am Ende hören wir das Lied vom Ende. Es wird feierlich ernst. Die Gitarre sucht den Grundton, der die Trance herbeiführt. Das Ende, mein schöner Freund. Wir tanzen dem Ende entgegen. Der Abend verweht, die Nacht beginnt. Die Trance hebt die Zeit auf. Alles gleitet dahin wie ein Papierschiff auf einem Fluss, der ins Meer führt. Wir reiten auf der Schlange zum uralten See.

 

Am Ende applaudieren wir, bis die Hände schmerzen. Das Publikum hat nach einer Zugabe immer noch nicht genug. Die Musiker sind erschöpft und das Licht geht an. Gnadenloses, weißes Licht, dass die Trance mit einem Schlag aufhebt. Man fühlt sich wie benebelt. Die Menschen sehen aus, als hätte man sie brutal aus einem schönen Traum gerissen. Der Sänger ist ganz erschöpft und wir umarmen uns, weil der Abend so schön war. Der Gitarrist kommt auf mich zu und fragt mich, ob ich über diesen Abend schreiben werde. Natürlich. Ich kann dieser Gruppe nichts abschlagen. Sie schenken mir ihre Musik und ich schenke ihnen meine Worte. Ich sammle die Augenblicke.

 


Ship Of Fools

Am 22. Juli gaben die Backdoors wohl ihr schönstes Konzert. Der Himmel war verhangen, als ich mich auf den Weg machte. Nur wenige Tage zuvor hatte es einen Terror-Anschlag in der Londoner U-Bahn gegeben. Die Zeiten werden immer unsicherer und verrückter. Manchmal sehnt man sich danach, einfach alles zu vergessen. Einfach mal abrocken. Eigentlich wollten zwei gute Freunde mich zu diesem Konzert begleiten, weil sie große Doors-Fans sind und ich ihnen von den Backdoors schon etwas vorgeschwärmt hatte, aber sie waren an diesem Tag gerade verreist.

Als ich das Logo in einiger Entfernung vor mir sah, entdeckte ich eine große Menschentraube, die sich vor dem Eingang versammelt hatte. Innen war es auch schon gerammelt voll. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich Nina und Jim Lizardking entdecken konnte. Die beiden lassen auch keinen Backdoors-Abend aus, denn diese Doors-Coverband ist nun einmal unser Liebling in der Hansestadt. Der Gitarrist erzählte mir von der Aufregung der Band an diesem Abend, was den Musikern aber nicht anzumerken war, als der schwarze Vorhang sich langsam öffnete. Gleich am Anfang überraschte mich der satte Sound der Gruppe. Nach fünf Minuten hatten die Musiker schon das Publikum auf ihrer Seite. Der Sänger ließ den Freiheitsdrang eines Jim Morrison aufleben und heizte richtig ein. Ich entdeckte an diesem Abend ganz junge Gesichter im Publikum. Das Flair der Truppe muss sich jetzt auch unter den Kids herumgesprochen haben.

An diesem Abend hatte die Band auch die heiteren Seemannslieder im Repertoire, die Jim Morrison geschrieben hatte. Das Logo verwandelte sich ganz langsam in ein fröhliches Narrenschiff und die Leute flippten aus. Der Keyboarder zeigte an diesem Abend, wie aufregend ein Solo in Stücken wie »When The Music’s Over « und »Riders On The Storm « sein kann. Ich sah seine Finger in Lichtgeschwindigkeit über die Tasten fliegen. Er war unglaublich konzentriert bei der Arbeit. Seine Lippen kommentierten unhörbar jede Note in der Musik, als wäre er in einen wichtigen Dialog vertieft. Der Gitarrist beeindruckte das Publikum aber ebenso, denn die Leute vergaßen ihren Tanz, als er das Publikum mit seinen schönen Soli verzauberte. Die Bassistin spielte an diesem Abend so souverän wie immer. Sie ist unglaublich gut geerdet und lässt sich niemals aus der Ruhe bringen. Ihr Saxophonspiel imponiert allen Männern und ihr Lächeln ist bezaubernd. Der Schlagzeuger war an diesem Abend ebenso konzentriert bei der Sache wie der Keyboarder. Der Mann hat einfach Taktgefühl und kann sich - wie einst John Densmore - auf musikalische Dialoge mit dem Sänger einstellen.

Am Ende des Abends wagte ein junger Mann den großen Sprung von der Bühne, nachdem er dreimal geübt hatte. Zwei junge Männer flogen im Rhythmus der Musik wie schillernde Kampfhähne durch die Luft, weil die Musik sie so angetörnt hatte. Alle waren sie vom Doors-Virus befallen, aber diesmal riefen sie nicht nach den Doors, sondern nach den Backdoors, denn diese Band liefert nicht nur eine Imitation. Die Hütte war voll an diesem Abend und die Rufe nach Zugaben wollte kein Ende nehmen. Der Sänger musste den Zuschauern ganz erschöpft mitteilen, dass eine weitere Zugabe nicht erlaubt war, denn sonst hätte man das Ordnungsamt wegen der Lautstärke auf den Plan gerufen. Die Musik der Backdoors unterliegt ständig einem kreativen Wandel und das scheint bei den Zuschauern sehr gut anzukommen. Wenn das so weitergeht, wird das Logo für die Truppe zu klein! Meine Freunde waren übrigens unglaublich enttäuscht, dass sie den Auftritt der Backdoors verpasst haben. Aber dafür wird die Freude beim nächsten Mal umso größer sein, wenn das Narrenschiff wieder in See sticht.

 



Abgehoben

   Am Sonntag den 6. August 2006 gaben die Backdoors wieder einmal ein Konzert im Logo. Ich war kurz vor dem Abheben, denn meine Tante hatte mich nur eine Stunde vor dem Konzert angerufen. Wir wollten uns am Montag sehr früh treffen, denn sie wollte mich mit ihrem Motorsegler in die Lüfte entführen. Einfach abheben, zuerst mit der Musik und dann mit dem Flugzeug. Das war ein herrlicher Gedanke. Der Sonntag war sonnig und schön, kein Wölkchen am Himmel; und nicht so schrecklich heiß und schwül wie in der vorausgegangenen Hitzewelle, in der ich schreibend in meiner Dachkammer schwitzen musste. Wenige Stunden vor dem Konzert traf ich mich mit Nina und Jim Lizardking in Altona, um mit ihnen einen Kaffee zu trinken und etwas zu plaudern. Die Abendsonne schien noch durch die Bäume, als wir in dem Straßencafé saßen. Die Straßenmusiker spielten melancholische Lieder. Nina und Jim Lizardking erinnerten sich an die Straßenmusik in Paris, die dort viel schöner klang, weil die Atmosphäre dort viel leichter war. Meine Vorfreude auf Paris wuchs in diesem Moment, denn im September wollte ich auch einmal das Grab von Jim Morrison auf dem Père Lachaise besuchen. Während mir die beiden von der Stadt der Liebe erzählten, verging die Zeit wie im Fluge. Erschrocken sahen wir zur Uhr und fuhren dann zum Bahnhof Dammtor. Auf dem Weg ins Logo stieß noch ein Fan der Backdoors zu uns. Wir unterhielten uns über die gute alte Rockmusik, dabei kam uns die Gruppe »Can « in den Sinn, und wir wurden ein wenig rührselig, weil wir im Logo schon zu den älteren Semestern zählten. Wir Menschen leben zwar ständig im »Hier und Jetzt«, aber die Erinnerungen nehmen immer mehr Raum ein, wenn man älter wird. Vor dem Logo war wieder einmal eine kleine Menschentraube zu erkennen. Als wir näher kamen, begrüßte mich der Keyboarder Jens, der an diesem Abend sehr fröhlich war. Er erzählte mir lachend, dass er seine kleine Maschine vergessen hatte, die Seifenblasen produzieren konnte. Wäre doch schön, wenn die Seifenblasen schillernd über den Köpfen der Zuschauer zerplatzen. Allerdings hatte das Maschinchen auch eine kleine Macke, am Ende versprühte sie immer nur Seifenschaum. Aber immer noch besser als diese große Nebelmaschine, die vor Jahren bei einem Auftritt in einer kleinen Aula schon einmal alles in ihren Nebel gehüllt hatte. Von der Gruppe gab es dann an diesem Abend nicht mehr viel zu sehen. Vielleicht war das dann doch etwas zu viel Performance gewesen! Ich musste wirklich lachen, als Jens mir seine kleinen Anekdoten erzählte. Er sprach auch davon, dass die Backdoors jetzt dabei waren »Celebration of the Lizard« einzustudieren, und wie wichtig die Bassistin Julia dabei war. Ihr großer Sinn für den Rhythmus war von unschätzbarem Wert.  Er erzählte mir auch von den anderen neuen Stücken, die sie in ihr Repertoire aufnehmen wollten, dabei  kam er  immer mehr in ein schwungvolles und begeistertes Erzählen. Bald schwärmte er von den vielen Musikern, die damals die Doors inspiriert hatten. Ich hörte ihm fasziniert zu, aber dann war es auch schon wieder an der  Zeit, in den Auftrittsraum zu gehen.

    Leider war das Logo an diesem Abend nur spärlich besucht. Das schöne Wetter hatte wohl alle Zuschauer aus Hamburg gelockt. Aber nach wenigen Songs ließ sich die kleine Gemeinde total begeistern. Die Backdoors spielten am Anfang wieder die leichten und gängigen Stücke, die sofort ins Blut gehen. Die Liebeslieder brachten die Hüften der jungen Mädchen in Schwung und bald sah ich, dass alle Körper im Raum sich im Rhythmus der Musik bewegten. Der Sänger gab wieder alles, als wäre auch dieser Auftritt der letzte im Leben. In dieser Beziehung war er Jim Morrison sehr ähnlich. Es dauerte nicht lange, bis ich mich ganz den Gitarrenklängen hingab, die mir das Zeitgefühl nahmen. Es war ein Gefühl des Abhebens, als die verschlungenen Ornamente der Orgel mich in eine andere Sphäre tragen wollten. An diesem Abend verschmolz die Gruppe gleich am Anfang zu einer Einheit.

    Die Backdoors spielten an diesem Abend auch den Song »Tell all the People «. Dieses Stück ist auf der Platte »The Soft Parade « zu finden. Es wird nur selten gespielt. Jim Morrison hat dieses Lied, das Robby Krieger komponiert hat, nicht gern gesungen, weil darin die Zeile »Follow me down« vorkommt. Jim Morrison war ein Poet, und er nahm es mit der Sprache sehr genau. Er wollte kein Führer sein, wollte nicht, dass man ihm nachfolgt. Er hat lange mit seinem Gitarristen gestritten, weil er die Zeile: »Nehmt eure Gewehre und folgt mir nach unten« einfach nicht über seine Lippen bringen wollte, was ich gut nachvollziehen kann. Aber im Publikum blieb der Geist des Friedens beim Hören dieses Songs dennoch erhalten, denn die jungen Mädchen tanzten dazu vor der Bühne im Reigen. Die Backdoors schaffen es immer wieder, den wahren Geist von Jim Morrison zu transformieren. Es mag an diesem Abend auch an der geballten Energie des Sängers gelegen haben, der mit seiner kräftigen, aber auch variationsreichen Stimme wieder einmal alle verzauberte. Er sprang ins Publikum, tanzte wie einst der Schamane Jim Morrison auf der Bühne und schwang das Mikrofon wie ein Lasso, fiel in Verzückung, wälzte sich auf dem Boden, aber alles ohne Übertreibung, denn die Musik war ihm an diesem Abend total in die Knochen gefahren. Ich fragte mich langsam, woher er nur diese Kraft nahm. Während ich mich auf ihn konzentrierte, hatte ich auf einmal eine Vision. Da stand auf einmal der ganz junge Jim Morrison auf der Bühne, legte charmant den Kopf zur Seite, lächelte, schüttelte die Träume aus seinem Haar und war mit erhobenen Armen zwischen Himmel und Erde ausgespannt. Er hatte sich selbst vergessen, die ganze Erdenschwere fiel von ihm ab. Ich landete mit ihm erst wieder auf dem Boden der Tatsachen, als die Pause begann und die Stille einsetzte. Bald erklang wieder die Musik aus der Konserve und die Leute eilten hinaus, um ein wenig frische Luft zu schnappen. Über die Lautsprecherboxen hörte ich die Stimme von Eric Burdon, die aber im Gegensatz zu der erdigen Live-Musik jetzt plötzlich völlig blechern klang. Vereinzelt schlenderten noch einige Zuschauer durch den Raum. Der Sänger der Backdoors hatte einige CDs in der Hand, die er noch schnell verkaufen wollte. Er kam auf mich zu und strahlte über das ganze Gesicht. Als ich ihn fragte, wo er denn nur seine Energie hernimmt, da antwortete er mit einem einfachen, aber elementaren Satz: »Es ist die Musik.«  Die Musik ist im Einklang mit dem Universum. Wenn wir uns auf diese leichte und unsichtbare Energie mit unserem empfindlichen Hörsinn einlassen, dann werden Gefühle geweckt, die wir mit Worten nicht beschreiben können. Wenn wir mit der Musik verschmelzen, dann werden ungeahnte Kräfte geweckt. Ich war mit dieser Antwort total glücklich und zufrieden, als Peter schnell hinauseilte, um noch einige der wirklich gelungenen CDs an den Mann zu bringen.

   Die Pause war im Nu wieder vorbei. Der Song »Gloria « ging an diesem Abend auch wieder direkt in den Bauch. Da oben stand immer noch der ganz junge Jim Morrison auf der Bühne. Gloria lockt ihn in sein Haus. Sie fragt ihn aus. Er fühlt sich gut. All right, yeah! Er macht sich zum Narren, aber das macht ihm nichts aus. Sie zeigt ihm alles. Alles wird langsamer, sie schlingt ihre Beine um seinen Hals. Er fühlt sich gut. All right, yeah! Der Sänger dreht sich im Kreis: Gloria! Alles ist gut an diesem Abend, alles wird intensiver. Danach spielte die Gruppe »Celebration of the Lizard«. Es war reinster Artaud-Rock. Es gibt keinen anderen Begriff dafür. Die Doors hatten diesen Artaud-Rock erfunden, eine Mischung aus Kabarett, Tanz, Dichtung, Musical und freier Assoziation. Antonin Artaud wurde am 4. September 1896 in Marseille geboren und er starb am 4. März 1948 in Paris. Er war Schauspieler, Dramatiker, Regisseur, Zeichner und Dichter. Er schrieb viele Abhandlungen über das Theater. Er hat die Performance erfunden. Im Jahre 1937 wurde er in die Psychiatrie eingewiesen, weil er an Schizophrenie litt. Seine intellektuellen Freunde holten ihn dort aber wieder heraus, um sein Genie zu retten. Jim Morrison war ein sehr gebildeter Mann, deshalb war dieser große Mann für ihn kein unbekannter.  »Do you know this little game to go insane?« Die Orgel erzeugte unheimliche Klänge. Das Schlagzeug weckte alle. »Die Schlange war blass und golden. Sie war an seiner Seite! Oh, sie ist nicht jung! Ihr dunkles weißes Haar! Die Welt gleicht einem Schlachthaus! Er will in sein Gehirn kriechen. Ich denke, du weißt welches Spiel er spielen will? Vergesse deinen Namen, wir brechen durch. Rhythmen sammeln und verdichten sich. Freundliche Hügel um uns herum. Wir betreten das Ende der Stadt. Lasst uns laufen. Run with me! Nicht die Erde berühren. Lass uns rennen! Schatten auf den Bäumen. Run with me! Die Sonne ist nicht zu sehen. Es bleibt nichts als zu laufen. « Die Backdoors führten uns an diesem Abend in den totalen Surrealismus! Die Gitarre rannte dem Sänger hinterher. Wir ließen uns tragen, rannten davon, hoben ab mit den Backdoors! Run with me!

   Die Musik trug uns viel zu schnell durch die Nacht. Gegen Mitternacht fand das Konzert ein seltsames Ende. Der Sänger hatte mich zum Schluss in den Sog seines Energiefeldes gezogen. Am Ende spielte die Gruppe noch einmal »The End«. Es war ein großes Ende, denn der Sänger schien dort oben auf der Bühne tatsächlich zu sterben. Ich erlebte mit ihm den Tod als Gedankenspiel und ich verschmolz mit der Musik, als er die Arme zum Himmel erhob und die Endgültigkeit des Todes plötzlich ganz erfahrbar machte. Alles loslassen und abheben! Die Zuschauer um mich herum waren etwas verwirrt, als das Licht der Scheinwerfer anging und das Konzert zu Ende war. Anscheinend hatten sie einen anderen Schluss, ein anderes Ende des Konzertes erwartet. Vielleicht wollten sie noch einmal »Light my Fire « hören. Jim Lizardking lachte laut und alle waren sich einig, dass der Sänger sich am Ende etwas verzettelt hatte. Ich hatte es gar nicht bemerkt, weil ich soeben mit ihm auf der Bühne in meiner Phantasie gestorben war.

  An diesem Abend hatte mir der Gitarrist erzählt, dass die Band jetzt schon lange keine Party-Band mehr war. Die Proben fanden jetzt in aller Regelmäßigkeit statt. Die Gruppe war inzwischen einfach professionell geworden. Immer wieder sage ich dem Gitarristen, wie sehr ich seine Gitarre liebe - und immer wieder freut er sich darüber. Mir taten nur die Leute leid, die dieses Konzert versäumt hatten, weil das Wetter so schön war.

   Kurz nach Mitternacht machten wir uns auf den Weg nach Hause. Gerade noch hatten wir die letzte Bahn erwischt! Ich schlief noch wenige Stündchen und fuhr dann in aller Herrgottsfrühe nach Volksdorf, wo mich meine Tante schon erwartete. Ich stieg in ihr Auto und dann fuhren wir nach Lübeck. Dort schoben wir den Flieger aus dem Hangar. Danach hoben wir einfach ab, flogen durch gespenstisch schöne Wolkenschleier, erblickten das Meer, bis wir Wyk auf Föhr erreichten. Dort landeten wir und schwammen im Meer, fuhren mit dem Rad zur Promenade, aßen eine Scholle und flogen dann wieder zurück. Als wir über die Halligen flogen, hatte ich immer noch die Musik der Backdoors im Ohr! Diesmal hatte es vor dem Konzert kein Himmelszeichen gegeben. Diesmal war ich selbst das Himmelszeichen, das sich über die norddeutsche Tiefebene bewegte. Wenn ich im September nach Paris fliege, dann werde ich den Backdoors im Geiste von dort oben noch einmal zuwinken, denn beim letzten Konzert war doch alles abgehoben!



Das Highlight im Riff

 Das Jahr 2008 hat begonnen. Mit Freude denke ich an das neue Jahr, denn das alte Jahr hatte einen schönen Ausklang, weil die Backdoors im Riff ihr schönstes Konzert gaben. Selten im Leben habe ich so viel Spaß gehabt. Es war die pure Lebensfreude, die sich in dieser Nacht einen Ausdruck verschaffen durfte.

 Am Konzertabend klingelte Hardy an meiner Haustür. Er spielt sehr gut Gitarre und er wollte auch einmal wieder ein schönes Live-Konzert erleben. Wir unterhielten uns noch eine Weile in meiner Wohnung und gingen dann gemeinsam zum Bahnhof. Draußen war es neblig. Ich liebe diese Nebeltage, in denen die Welt geheimnisvoll umhüllt ist. Auf dem Bahnsteig hatten sich schon die ersten Nachtbummler versammelt. Wir fuhren zum Hauptbahnhof und stiegen dann in die U-Bahn, die uns nach Volksdorf brachte. In der Bahn erzählte mir Hardy Geschichten aus seiner Jugend, die er mit einer wilden Heavy Metall Band verbracht hatte. Seine witzigen Geschichten machten die lange Fahrt kurzweilig. Als wir in Volksdorf ausstiegen, fragten wir junge Leute nach dem Weg zum Riff. Das moderne Gemäuer war dann auch ganz schnell zu finden. Über dem Riff leuchtete der rote Neon- Schriftzug eines Kinos mit dem Namen Koralle, aber der Eingang in diese Unterwasserwelt war schwer zu finden, denn die Glastüren waren nicht durchsichtig, sondern rosa. Sie öffneten sich automatisch, während mir die vertraute Stimme des Sängers schon entgegen wehte. Die Backsoors spielten »Love Me Two Times «. Ich liebe diese Gruppe mehr als zwei Mal, werde sie immer lieben, bis »The End « zum großen Finale einleitet.

 Im Flur wurde ich an der Kasse überraschend und stürmisch mit einem Kuss begrüßt, den Jim Lizardking mir auf die Wange drückte. Die Freude war groß, ihn zu sehen. Wir umarmten uns herzlich und dann wollte ich mit diesem großen Doors-Kenner das Konzert in aller Ruhe genießen. Die Ruhe wollte sich aber nicht manifestieren, als ich eine Weile auf einem Fleck gestanden hatte. Der Sound der Gruppe war so voll und so satt, dass er sofort in die Beine ging. Ich konnte gar nicht begreifen, warum die Volksdorfer nur freundlich lächelten und verschämt mit den Füssen wippten. Als die Gruppe »Break On Through« spielte und der Sänger sich richtig ins Zeug legte, da zog es mich zur Bühne und dann ließ ich mich einfach mitreißen und tanzte wie eine wild gewordene Schamanin. Ich tanzte meinen Indianertanz dort ganz alleine und bemerkte aus den Augenwinkeln, dass die Leute gerne mitgetanzt hätten, aber eine Barriere aus Konventionen hielt sie davon ab. Vielleicht waren sie noch nicht richtig warm geworden, aber mein verzücktes Tanzen verursachte ein Blitzen in ihren Augen.

 In der Pause flitzte Hardy im Publikum herum, nahm die Ladys in Augenschein und traf einen alten Bekannten. Ich unterhielt mich währenddessen angeregt mit Jim Lizardking und seinem Freund, dann ging das Konzert schon weiter. Das Tanzen kann in meinem Alter schon etwas auspowern. Nach einem eigenwilligen und gekonnten Medley ging dann bei dem Song »Wild Child « endlich die Post ab. Das Publikum gesellte sich zu mir und viele tanzten mit. Die Musik brachte mich so in Ekstase, dass ich mich an Einzelheiten nicht mehr erinnern kann. Ich weiß nur noch, dass ein junger Mann mit blonden Locken wie ein junger Gott in Verzückung vor der Bühne tanzte. Ein junger Punker mit einer schwarzen Lederjacke, der wie Billy Idol aussah, legte mit einer vornehmen Dame einen Schieber hin. Der Sänger hypnotisierte uns wie eine Schlange und die einzelnen Soli der Musiker verzückten uns. Der Gitarrist hatte seinen besten Tag und Hardy applaudierte. Der Sänger lächelte strahlend wie die Sonne, als die Bassistin und der Keyboarder so richtig reinfetzten und der Schlagzeuger so gelassen seinen erdigen Takt hielt, dass es eine helle Freude war. Als ich irgendwann meine Beine ausruhen wollte und zum Tisch ging, um in Ruhe ein Bier zu trinken, zog mich eine Frau wieder vor die Bühne. Sie meinte, ohne mich mache das Tanzen keinen Spaß. Mit dem Song »Riders On The Storm « kühlte sich die Seele in einem elektronischen Regen ab.    

 Meine Füße brannten, als ich mich in der nächsten Pause wieder an den Tisch setzte. Als der Gitarrist unsere Runde streifte, rief ich ihm entgegen: »Hallo Otto, hier sind deine Fans! « Er lächelte freundlich und setzte sich zu uns. Bald kam er mit Hardy ins Gespräch. Sie sprachen über Ottos erste Gitarre und über den Erwerb der kostbaren Lady. Das war eine spannende Geschichte und ich hörte gebannt zu. Hardy war jetzt ganz in seinem Element und der Dialog zwischen den beiden entwickelte sich zu einem absoluten Fachgespräch, in dem das »Holz « und ein Gitarrenlehrer (Marcus Deml), den Hardy auch kannte, in den Mittelpunkt rückten. Die beiden waren so sehr in ihr Gespräch vertieft, dass Otto es zwei Mal überhörte, als der Sänger ihn verzweifelt und laut über das Mikrofon auf die Bühne rief: »Hallo! Hier fehlt ein Musiker!« Ich fand die Situation sehr lustig.

 Der letzte Set war dann auch das absolute Highlight! Die Volksdorfer waren nun vollkommen aus sich herausgekommen. Sie waren begeistert, als die Gruppe zum allerersten Mal den Song »The Wasp« mit viel Power und einer guten Performance zelebrierte. Der Song »Love Street« lockte das kindlich verzückte »Lala« aus den Kehlen der Zuschauer. Der Sänger war total glücklich über dieses Feeling, merkte dann aber zum Schluss ein wenig traurig an, dass andere Cover Bands darüber verächtlich denken. Kann man aus diesem Lied einen Gassenhauer machen? Wäre es Jim Morrison peinlich gewesen, wenn er bei diesem Konzert dabei gewesen wäre? Wenn ich ehrlich sein soll, dann glaube ich, dass es Jim Morrison glücklich gemacht hätte. Er selbst hatte zu Lebzeiten immer geglaubt, dass seine Songs fünf Jahre nach seinem Tod vergessen sein würden. Wenn Jim Morrison noch leben würde, dann wäre er jetzt genau zehn Jahre älter als ich. Er wäre vierundsechzig Jahre alt. Man hat ihn einmal in einem Interview gefragt, welches Ziel er erreichen wollte. Er schloss bei dieser Frage die Augen, dachte lange nach, und sagte dann: » Ich möchte am Ende eine Musik machen, die pure Freude ausdrückt.« Jim Morrison wollte mit dem Song »Wild Child« ausdrücken, wie wichtig es ist, dass wir das Kind in uns nicht sterben lassen. Ich glaube, mit einem Schuss mehr Lebenserfahrung und Altersweisheit hätte ihn beim Betrachten dieses Konzertes ein zufriedenes Lächeln erfasst. Jedenfalls spiegelte sich dieses zufriedene Lächeln um den Mund des Sängers und das Publikum schämte sich nicht für ein Gefühl der Seligkeit.

 Mein Kopf hat die einzelnen Schritte dieses Abends nicht abgespeichert, ich erinnere mich nur noch an ein ekstatisches Gefühl. Ich weiß noch, dass der Sänger eine Treppe hinaufstieg, sich zum Boden neigte, wieder aufstand und dann von der Bühne sprang. Er drückte mir einfach das Mikrofon in die Hand, weil ich die ganze Zeit lautstark mitsang. Während er im Publikum tanzte, sang ich den Refrain über die wiederkehrende Zusammenkunft. Und alle Menschen im Saal wiederholten diese schöne Zeile, bis wir uns alle magisch eingeschworen hatten. Der Abend endete in Rufen nach Zugaben, die uns die Backdoors gewährten.

 Zum Schluss waren alle erschöpft. Ich saß noch eine Weile am Tisch und bemerkte, wie freundlich die Kellnerin dort war. Die Theke in diesem Lokal sah sehr gemütlich und sehr gepflegt aus. Jim Lizardking rief mich Backstage, ein Raum, der hinter einem Vorhang war. Wir unterhielten uns in der Runde, während die Zeiger der Uhr immer schneller rasten. Die dunkle Morgenstunde des Winters war schon beinahe angebrochen, als wir das Lokal verließen. Wie im Taumel stiegen wir über zwei Schnapsleichen am Boden hinweg und das grelle Licht in den Waschräumen zeigte gnadenlos mein verlaufenes Make Up. Die Fahrt im Zug kam mir sehr kurz vor und in Gedanken freute ich mich schon auf das nächste Konzert der Backdoors. Ich freute mich auch an einer Erinnerung, die mir wieder kurz durch den Kopf schoss: Die Backdoors hatten Jim Lizardking auf die Bühne gerufen, weil er sich mit viel Herz und viel Kompetenz um ihre Internetpräsenz bemüht. Sein Engagement in der Fan-Gemeinde fand hier einen würdigen Rahmen. Dieser Moment hatte mich sehr angerührt. Als ich müde nach Hause kam, blickte ich auf das Bild von Jim Morrison, das in meiner Küche hängt, und dann murmelte ich leise: »Danke Jim, dass du uns alle zusammenbringst.  Du hast mir Glück gebracht.«


Die Königsschlange

 Am 8. Februar 2008 gaben die Backdoors wieder ein Konzert im Logo. Das letzte Konzert war noch nicht lange her, aber seitdem hatte es in Hamburg die ganze Zeit geregnet. Die Feuchtigkeit war mir nicht bekommen, meine Knochen taten weh, deshalb war an ausgelassenes Tanzen nicht groß zu denken. Aber es kann auch nicht immer ein Highlight geben, man muss dem Leben dann andere Nuancen abgewinnen. An diesem Tag hatte es wieder ein schönes Himmelszeichen gegeben.  Der achte Februar war ein Tag, an dem das Sonnenlicht tatsächlich wieder durchgebrochen war. Der Sonnenuntergang bot in meiner Gegend ein wunderschönes Schauspiel. Der Himmel war nicht mehr grau, die kleinen Wölkchen am Himmel schwebten in einem mystischen Violett und in der Ferne breitete sich ein Altgold aus, das mein gewohntes Straßenbild vollkommen verfremdete. Die hellen Hausfassaden waren auf einmal rosa und die Bäume verwandelten sich in schwarze Scherenschnitte.  

 Ich machte mich diesmal ganz früh auf den Weg, denn ich wollte neue Impressionen einfangen, die einem sonst in der Hektik entgehen. Wenn man öfter Konzertberichte schreibt, dann muss man sich vor Wiederholungen in Acht nehmen. Ich klingelte bei meiner neuen Nachbarin, mit der ich mich so gut angefreundet hatte. Sie wollte auch zu dem Konzert kommen und ihren Freund mitnehmen. Sie öffnete mit einem gewinnenden Lächeln die Tür und sagte: »Wir wollen noch schnell einen Happen essen und dann kommen wir nach. « Ich schlenderte zum Bahnhof. Einige Pärchen waren mit mir auf dem Wege. Es dauerte nicht lange, bis ich das Logo erreichte. Ich gehörte zu den ersten Gästen, die sich an der Theke von einer jungen Dame einen Stempel auf das Handgelenk drücken ließen.

 Die Bassistin der Backdoors spielte konzentriert am Kicker, während ich mir einen Beobachtungsposten aussuchte. Es war ein seltsames Gefühl, die Augen über die schwarz gestrichenen Wände im fast leeren Raum wandern zu lassen. Die Musik kam noch aus der Konserve und dem schwarzen Vorhang haftete noch etwas Gespenstisches an. Aus den Lautsprechern dröhnte » In A Gadda Da Vida « von Iron Butterfly und ein junger Mann hämmerte mit den Fäusten auf einem der kleinen Tische den Rhythmus dazu. Die Musik lenkte meine Gedanken in die Vergangenheit. Mir fiel wieder ein, dass ich im Logo ein kleines Stück Musikgeschichte erlebt hatte. Ich möchte die Geschichte hier einmal erzählen, damit sie nicht verloren geht.

 Es war in der Mitte der sechziger Jahre, als ich mein erstes Konzert in der Hamburger Musikhalle erleben durfte. Ich war gerade mal dreizehn Jahre alt, als die Small Faces in unsere Stadt kamen. Zu dieser Zeit hörten wir die Beatles und die Stones. Die Doors waren zu dieser Zeit noch unbekannt. Der Sänger von den Small Faces hieß Steve Marriott. Er ist damals mein erster Schwarm gewesen. Seine Stimme war ungeheuer dynamisch und seine Augen leuchteten so hell wie Scheinwerfer. Der erste Hit der Gruppe hieß »Lazy Sunday «. Steve Marriott war ein Rebell, ein Energiebündel und ein kreativer Geist. Leider war dann dieses erste Konzert für mich eine große Enttäuschung. Alles was ich an diesem Abend gehört habe, waren die Rattles. Diese langweilige Vorgruppe hatte den ganzen Abend allein bestritten. Steve Marriott war an diesem Abend nur einmal kurz auf die Bühne gesprungen, um den »Song of a Baker « am Klavier vorzutragen, dann war die Gruppe wieder hinter dem Vorhang verschwunden. Die Zuschauer johlten und grölten und verlangten ihr Geld zurück. Einige Jahre später wollte Jimmy Page von Led Zeppelin Steve Marriot als Sänger haben, aber er gründete die Gruppe Humble Pie und startete am Ende noch eine Solokarriere. Zu dieser Zeit habe ich ihn mit meinem Mann zusammen noch einmal im Logo gesehen. Sein kleiner, heruntergekommener Bus stand vor der Tür. An diesem Abend hat er noch einmal seine schwarze Röhre demonstriert. Er hatte inzwischen einen Bierbauch angesetzt, aber seine Augen blitzten immer noch hell auf. Die Lautsprecher waren so laut aufgedreht, dass viele Zuschauer aus dem kleinen Raum geflüchtet sind. Er trank viel an diesem Abend, die Star-Allüren konnte er sich offensichtlich nicht mehr leisten, aber seine Stimme war großartig und seine Ausstrahlung mitreißend. Als junges Mädchen hätte ich wohl nicht gedacht, dass ich ihn noch einmal im Logo so hautnah erleben würde. Steve Marriot starb nur wenige Jahre später. Er verbrannte in seinem Landhaus in England.

 Ich wurde aus meiner Erinnerung gerissen, als der Sänger der Backdoors grinsend an mir vorbeilief: »Ich muss kurz vor dem Auftritt immer so oft zur Toilette. Das ist das Lampenfieber. « Ich grinste zurück und sagte mit betont mütterlicher Stimme: »Das gibt sich ganz sicher gleich wieder mein Junge, du wirst schon sehen. « Er war diesmal elegant in schwarz gekleidet. Natürlich in Lederhose. Kurze Zeit später begrüßte mich der Gitarrist und ich fragte ihn, ob man im Logo noch rauchen dürfe, weil es ja in dieser Sache eine neue Gesetzgebung gab. Er zeigte mir die kleine Rauchermeile beim Eingang und dann erzählte er mir, wie er tapfer zum Nichtraucher geworden war. Von einem Tag auf den anderen. Beneidenswert. Er erzählte mir auch, wie schwer es für ihn war, den Job und die Auftritte unter einen Hut zu bekommen. Zum Glück hatte es auch diesmal wieder geklappt. An diesem Abend verriet er uns auch, dass es am Anfang des Konzertes eine kleine Überraschung geben sollte. Die Spannung wuchs, als sich der Laden immer mehr füllte.

 Hinter dem schwarzen Vorhang hörte ich den Ruf des Schamanen, unheimliche Orgelklänge, den Sound aus dem Underground. In dieser Finsternis wurde der König der Eidechsen zelebriert. Die Königsschlange kroch über den Boden, wand sich und erhob das Haupt. Es war mir, als würde Jim Morrison dort hinter dem Vorhang mit der Rassel in der Hand in seinen azurblauen Wäldern mit den vergessenen Seelen tanzen. Die Klänge regten die Phantasie an und die Stimme des Sängers war unglaublich kräftig. Dieser Konzertanfang gefiel mir unglaublich gut.

 Zwischen den heiteren Liebesliedern, dem wehmütigen »Blue Sunday « und dem »Lost Little Girl «,  wurden an diesem Abend auch einige Stücke gespielt, die politisch eingefärbt waren und vom Blut in den Straßen handelten. Jim Morrison sah sich damals knietief in diesem Blut waten, als der Vietnamkrieg seinen Höhepunkt erreicht hatte. Die Doors waren in dieser Zeit sehr unbequem und gefährlich, weil sie keine seichte Popmusik machten. Jim Morrison war ein Mann der Gefühle, der das Unrecht aus sich herausschreien musste. Er hielt nichts von qualvoller Verdrängung und er griff in seinen Liedern die Despoten an. Der Sänger der Backdoors bewies an diesem Abend, dass die infernalischen Schreie des Jim Morrison immer noch möglich sind. Ich kenne niemanden außer ihm, der diese Aufschreie, die tief aus dem Bauch kommen müssen, so authentisch rüber bringt. Das kann man nur, wenn man den Blues im Blut hat. Der Sänger spielte an diesem Abend mit dieser Fähigkeit, und es entwickelte sich wieder einmal ein kleiner Dialog mit dem Publikum, das dabei immer lockerer wurde und sich in die Musik mit einbezogen fühlte. Ich musste herzlich lachen, als der Sänger sagte: »Ich muss einfach alles aus mir herausschreien. Ich muss auch schreien, wenn ich Frau Merkel im Fernsehen sehe. « Diese kleine Anmerkung machte mich nachdenklich. Es mag sein, dass wir eigentlich völlig unberührt sind, wenn das Bild unserer Kanzlerin über die Glotze flimmert. Aber ich glaube, tief im Inneren spüren wir alle, wie kalt und wie gleichgültig die Politiker uns regieren. Sie haben keine Visionen mehr und jede humanistische Philosophie ist ihnen inzwischen abgegangen. Ein grausamer Neo-Kapitalismus hat sich durchgesetzt. Der Erdball mutiert zum Narrenschiff, da möchte man doch am liebsten mit Jim Morrisons Kristallschiff zu neuen Ufern segeln. Da gibt es noch die Sehnsucht nach echter Kunst, die dem kalten Krieg und dem Terror etwas entgegen setzen kann, und es gibt immer noch die Sehnsucht nach Zusammenhalt. Wenn es diese Sehnsucht nicht gäbe, dann wären die Backdoors nicht so beliebt. Immer wieder schaffen sie es, mit ihrem »Let’s get together one more time « die Wärme und die Liebe und die Menschlichkeit zu beschwören. Sie schaffen es auch, weil sie einfach gute Musiker sind. Die Bassistin spielte an diesem Abend Trompete, weil sie sich gerne weiterentwickelt. Der Gitarrist lässt sich auch immer wieder etwas Neues einfallen und das wurde an diesem Abend mit lauten Otto-Rufen aus dem Publikum belohnt. Der Keyboarder machte den Song »Riders On The Storm« zum klanglichen Genuss und der Schlagzeuger brachte ein schönes Solo.

 Leider ging der »Moon of Alabama « an diesem Abend wieder viel zu schnell unter. Die Gruppe hatte dem alten Kurt Weill an diesem Abend noch einmal die Ehre erwiesen. Dem alten Bert Brecht hätte es gewiss gefallen, wie die Backdoors die Ballade von Mackie Messer in ihre Musik eingebaut haben. Es ist schön, dass die Backdoors für uns so viel bewahren.

 Zum Schluss möchte ich noch einmal darauf eingehen, warum Jim Morrison in seinen Liedern so oft die Schlange beschwört. Ich will es machen, weil der Sänger etwas traurig bemerkte, dass es immer wieder Zuschauer gibt, die sich nur ganz oberflächlich für die Songs der Doors interessieren. Sie wollen immer nur den Song »Light My Fire « hören und können sich Jim Morrison immer nur als Trunkenbold vorstellen. Sie wissen nicht, dass er ein sehr tiefsinniger und gebildeter Mann war, ein Mystiker, der auch Gedichte geschrieben hat. Da ich mich seit Jahrzehnten für Religion und Mystik interessiere und viele Bücher darüber gelesen habe, möchte ich hier einmal kurz das Thema der Schlange anreißen. Der große Mystiker Friedrich Weinreb war mir dabei eine unerschöpfliche Quelle:

 Das Symbol der Schlange wird in der christlichen Tradition immer mit dem Bösen in Zusammenhang gebracht. Die Schlange ist die Inkarnation des Teufels, sie ist der Satan oder Lucifer, der gefallene Engel des Lichts. Diese Schlange ist dafür verantwortlich, dass der Mensch aus dem Paradiese vertrieben wurde. Die Schlange verführte Eva dazu, die Früchte vom Baum der Erkenntnis zu essen. Die Früchte vom Baum der Erkenntnis waren die Unterscheidung von Gut und Böse. Der Mensch war hiermit aus der Einheit heraus gefallen, kannte nun Licht und Schatten. Das dualistische Denken zerriss ihm jetzt die Seele. Der ständige Zweifel war nun sein Begleiter. Er verzweifelte darüber, dass mit dem Tod alles zu Ende war. Er bedeckte seine Scham mit einem Feigenblatt, weil er sich dafür schämte, dass auch seine Kinder, denen er das Leben schenkte konnte, auch dem Tod anheim fallen sollten. So glaubt der Mensch nicht mehr an den Sinn des Lebens und vertraut dem »Ewigen « nicht mehr. Der »Ewige « ist eine Umschreibung des unaussprechlichen Namen Gottes, von dem wir uns kein Bild machen können. Aber in der urchristlichen Tradition gibt es auch das heilige Symbol der Schlange. Sie wird oft so dargestellt, dass sie einen Kreis bildet, indem sie sich selbst in den Schwanz beißt. Es gibt auch das Bild von der Schlange am Kreuz. In diesem Bild wird die Schlange mit Jesus Christus gleichgesetzt. Der Name Jesus (hebräisch Jeschua) bedeutet in der Übersetzung Erlösung. Die Erlösung kommt, wenn der Mensch die Früchte vom Baum des Lebens findet. Er kann die Angst vor dem Tod überwinden und den Sinn des Lebens wieder entdecken, wenn er das Vertrauen und die Hoffnung in das »Ewige « nicht verliert. Das Ewige darf man nicht mit dem Unendlichen verwechseln. Das Ewige ist ein Zustand, in dem die Zeit aufgehoben ist. Unvorstellbar für den Menschen, aber er kann es erahnen. In der Ewigkeit sind die Vergangenheit und Gegenwart und die Zukunft eins. Wenn der Mensch seine Gegenwart wie das »Ewige « zu loben und zu genießen vermag, ohne es mit seinem Verstand zu analysieren, dann hat er die Angst vor der Schlange verloren, dann sind Schlange und Erlösung identisch. Nur dann hat er die Chance, die Erlösung in seiner Seele nachzuvollziehen. Vorraussetzung dafür ist das Annehmen und Verströmen einer Liebe, wie sie Jesus gelehrt hat. Das Gift der Schlange kann auch heilsam sein. Es kommt immer auf die Dosis an. Ich glaube, aus diesem Grunde hat Jim Morrison so oft die Schlange besungen. Wenn wir keine Angst vor ihr haben, dann führt sie uns zum uralten See, zur Quelle der Ahnen.



Mein Dank an die Backdoors

 Die Zeit schreitet voran und die Welt ändert sich. Sie ist hektischer und liebloser geworden. Manchmal sehnen wir uns nach Geborgenheit und Liebe, aber wir sprechen nicht darüber – auch nicht über unsere Träume. Nur die Musik kann uns heben, leichter machen und das Herz öffnen.

 Gestern war ich im Schoß der Familie gut aufgehoben. Wir hatten uns in dieser dunklen Jahreszeit zu einer Nikolaus-Feier verabredet. Im Hause der Gastgeber war es urgemütlich. Überall flackerten Teelichter in den Farben der untergehenden Sonne. Die älteren Leutchen saßen an einem erhobenen Tisch und wir jüngeren hatten uns wie die Indianer im Kreis versammelt. Leise lief die Musik von Sting, als wir angeregt miteinander plauderten. Ein Hund mit flauschigem Fell döste wohlig vor sich hin. Auf dem Tisch lag nun endlich das Buch, das ich mit Anna-Maria Ruf zusammen geschrieben hatte. Meine Familie hatte es begeistert (und mit vielen Fragen auf den Lippen) in Empfang genommen. Ich betrachtete das schwarze Cover mit den Umrissen des jungen Jim Morrison, dessen Gesicht ein blauer Schmetterling umflatterte.

 Drei Jahre hatten Anna-Maria Ruf und ich daran geschrieben. Es heißt »END OF THE NIGHT oder DER RUF DES SCHMETTERLINGS «. Gleich am Anfang hatten mich die Backdoors auf dieser Reise ans Ende der Nacht begleitet. Wie oft hatte ich mich durch das Dunkel der Nacht geschrieben, in heißen Sommer-  und in kalten Winternächten. Mir kamen all die Auftritte in den Sinn, in denen die Backdoors den Song »End OF THE NIGHT « nur für mich gespielt hatten, um mir für jeden weiteren Buchstaben auf dem Bildschirm des Computers Mut zu machen. Das charismatische Gesicht des Sängers stand vor meinen Augen, der es immer wieder schaffte, das Publikum in die Show zu integrieren. Der Rest der Truppe war so geerdet wie ein Baumstamm. Mit ihrer Präsenz hatten sie es immer wieder geschafft, dass die Post so richtig abgeht. Ich war mit dieser Gruppe geistig verwurzelt, weil es auch ihr Anliegen war, die Worte von Jim Morrison und seine poetische Denkweise wieder lebendig zu machen. Im Laufe der Zeit hatten sich meine kleinen Aufsätze über die Gigs der Backdoors zu einer Art Tagebuch entwickelt, das unsere Seelenlage und den Zeitgeist widerspiegelte.     

 Ich musste an den letzten Auftritt der Band in dem kleinen Lokal BaRRock denken. In dieser Zeit waren aus technischen Gründen mein Computer und mein Fernseher für eine kleine Weile ausgefallen. Das war ein seltsames Gefühl, als ich mich ganz auf mich selbst besann. Ich sah die Nachbarn in den hell erleuchteten Fenstern vor ihren Bildschirmen sitzen und auf den Straßen hasteten die Menschen mit ihren Handys am Ohr an mir vorbei, um kurze Satz-Fetzen von sich zu geben, weil lange Botschaften unbezahlbar waren. In Bussen und Bahnen sah ich die Mitreisenden mit verstöpselten Ohren an ihren Musikgeräten hängen. Die frostige Isolation fiel mir auf, die Verstörung der Seelen durch Angst- und Panikmache in den Medien. Auch der Hass wurde hier geschürt, die Sprachlosigkeit und das Gefühl der Ohnmacht. Umso mehr freute ich mich dann auf das Konzert der Backdoors. Dort fühlte man sich wie in einem alt eingeschworenen Indianerstamm. Das Lokal war in kleinen Ecken ganz unaufdringlich im Stil der sechziger Jahre eingerichtet. Rotglitzernder Efeu rankte sich dort um ein uraltes Radio. An diesem Abend hatte die Band die ruhigen Stücke der Doors eingeübt. Mit den Lyrics von »Yes, the river knows « tauchten wir in den mystischen Wein, den Fluss der Zeit. Diese in den Fluss gekommenen Gedanken und Gefühle ließen uns am Ende dann auch in den Dialog kommen. Ich fühlte mich wieder im Anschluss, die Welt war wieder heil. Die Schwingungen der Musik hatten ihren Weg durch harte Wände gefunden. Die dort versammelten Menschen fingen an zu tanzen, der Kellner musste sich mit seinem beladenen Tablett mühsam einen geschlängelten Weg bahnen, und als ich in der Pause zur Toilette musste, rief mir ein junger Mann auf dem Flur begeistert zu: » Die Band da draußen ist ja einfach Spitze! « Da konnte ich nur zustimmen.

 Meine Erinnerungen wurden unterbrochen. Mein Cousin schien Gedanken lesen zu können. Er reichte mir einen Teller mit Kuchen und sagte mir, während ich immer noch gedankenverloren auf das Buch guckte: » Weißt du noch, wie wir uns damals in Volksdorf im Riff verabredet hatten? Dort spielten doch die Backdoors und ich konnte leider nicht kommen. Das ist wirklich schade. Meine Freunde in Volksdorf erzählen mir doch tatsächlich bis heute, wie großartig die Band gewesen ist. Das ist nun schon so lange her, aber meine Freunde schwärmen immer noch davon. Sie erzählen mir alle, dass der Sänger ja vielleicht wirklich Jim Morrison gewesen sein könnte, so ähnlich sei er ihm gewesen. Sie sagen, dass es nie einen besseren Gig in dem Lokal gegeben hätte. Total gute Stimmung. Die Hütte hat gerockt. Da muss soll wirklich der Bär getanzt haben. Wäre schön, wenn sie mal wieder kommen, das will ich mir nicht noch einmal entgehen lassen. «

 Die Worte machten mich in diesem Moment glücklich, weil mein Cousin nun wusste, dass ich ihm nicht zu viel versprochen hatte. All die Jahre hatten die Backdoors mich begleitet und bei jedem Auftritt hatte ich ein Himmelszeichen entdeckt. Diesmal war mein innerer Stern aufgegangen, der tief in meinem Herzen leuchtete. Danke Backdoors, dass ihr mich bei allen Höhen und Tiefen in meinem Dichterleben treu begleitet habt. Eure Musik hat einen guten Geist beschworen, der seine Früchte trägt.    



Jam-Session

 Die Zeit schreitet voran. Wir merken es nicht, weil wir in ewiger Gegenwart leben. Dennoch vergeht die Zeit. Der Winter liegt bald wieder hinter uns, ja so wird es sein, wenn die Erde sich weiter dreht. Vor einigen Tagen lag meine kleine Straße im Schnee. Die Flocken rieselten vom Himmel herab. Das alte Jahr ist vergangen. Die Zeiten sind härter geworden. Es kriselt in der Finanzwelt. Ein gemeinsames Konzert mit den Backdoors und einer Santana-Cover Band ist abgesagt worden. Viele schöne Dinge scheitern am Egoismus einiger Leute. Aber es gibt auch noch Idealisten, Menschen wie die Musiker der Backdoors, Lichter am Firmament, die das Leben fröhlicher und bunter machen.

 Heute war wieder ein schöner Wintertag. Die Sonne stand wie eine weiße Scheibe am Himmel und wurde zeitweilig von vorüber ziehenden dunklen Wolken poliert. Die Äste der Bäume waren vom klirrenden Eis umschlungen, die Straßen wie gepudert. Weiße Winterwelt im Januar 2009. Die Kälte zieht alles zusammen. In meinem Zimmer ist es warm, im Fernsehen läuft eine Sendung über die jüdische und christliche Religion. Im warmen Israel schlafen die Menschen in ihren selbst gebauten Hütten unter den Sternen während des Laubhüttenfestes. Das Studium der Thora in warmen Studierzimmern besteht aus dem Lesen der heiligen Schrift, Fragen und Gegenfragen. Der Buchstabe ist heilig. Der Gesang ist heilig. Jesus erzählte Geschichten vom lebendigen Wasser, das die Seelen erfrischt. Er wird als das Licht der Welt bezeichnet. Manchmal schimmert dieses Licht auch durch unsere kleinen Geschichten, wenn wir weitherzig sind. Ich habe damit angefangen, die bezaubernden Gedichte von Darryl Read zu übersetzen.

 Am 16. Januar gab es ein Konzert mit den Hamburger Backdoors und den Backdoormen aus Hannover unter dem Motto »Love Me TWO TIMES « im Cotton Club. Wir mussten eine Weile vor der verschlossenen Tür des Clubs warten, weil wir zu früh gekommen waren. Dort hielten wir einen kleinen Plausch mit anderen Gästen ab. Der Gitarrist der Backdoors kam zu uns heraus, um den  Frierenden die Zeit zu versüßen. Leider hatte er nichts Gutes zu berichten. Er erzählte uns, dass der Bassist der Backdoormen brutal überfallen worden war und nun im Krankenhaus lag. Grundlos. Abgezogen nennt man so etwas. Einziges Motiv: Die Gier nach einem Handy und etwas Taschengeld. Wir waren entsetzt über diese Tatsache. Die Backdoormen waren natürlich leicht verzweifelt, weil sie nicht wussten, wie sie ohne den Musiker auftreten sollten. Als wir den altehrwürdigen Cotton Club endlich betreten durften, standen Schlagzeug und Orgel einsam auf der Bühne. Dicht daran gedrängt Tische und Stühle. Es gab einen abgetrennten Raucherraum, in dem wir den Sänger der Backdoormen trafen. Ein junger sympathischer Mann mit einem Lockenkopf. Er wirkte etwas erleichtert, weil Julia und Jens von den Backdoors für ihren kranken Musiker einspringen wollten. Es war dann auch eine schöne Geste, als die Gäste vor dem Konzert dazu aufgefordert wurden, ein Plakat mit Genesungswünschen zu unterschreiben. Das Plakat machte die Runde und währenddessen schaute ich mir die Gesichter der Gäste an. Ein bunt gemischtes Völkchen. Alle Alterstufen waren vertreten. Eine Japanerin, ein ganz junger Mann, beinahe noch ein Kind, und eine ältere Herrenriege waren auch darunter. Alle gaben gern ihre Unterschrift und viele gaben sich Mühe, wirklich schöne und poetische Sätze für den Verletzten zu finden.

 Es war wirklich unglaublich, wie schnell sich Julia am Bass und Jens an der Orgel mit den Backdoormen eingespielt hatten. Die Orgel gab einen wunderbaren Klangteppich her. Jens schwärmte in den Pausen auch von diesem Instrument. Der Sänger der Backdoormen hatte eine kraftvolle Stimme und er wiegte seine Hüften im Rhythmus einer sich windenden Schlange. Die Gruppe aus Hannover war wirklich gut und die Gäste kamen gleich in Stimmung. Leider gab es keinen Raum zum Tanzen, deshalb forderte der Sänger die Leute auf, doch im Geiste zu tanzen und unter den Tischen mit den Füßen zu wippen, was einige dann auch taten. Die Japanerin animierte ihre Tischnachbarn zum Schunkeln, als wäre sie immer schon eine alte Rheinländerin gewesen. Die Backdoormen interpretierten die Songs der Doors auf ihre ganz eigene Art, sehr einfallsreich, manchmal poppig, dann wieder rockig. Der Blues, den Jim Morrison so liebte, kam auch nicht zu kurz. Ausgerechnet bei dem Song »Light My Fire « verspielte sich Jens an der Orgel, aber das wurde von allen überhört, denn Julia und Jens hatten die ganze Zeit ihr Bestes gegeben, was dann auch mit einem großen Applaus belohnt wurde. Die Freundin vom Sänger der Backdoors war von der Musik der Backdoormen ganz angetan. Sie erzählte mir, dass die Stücke der Doors immer wieder ihr Herz berühren, weil dann die Erinnerungen aufsteigen. Die Musik speichert ewige Momente ab. Eingefrorene Zeit mit intensiven Gefühlen, die immer wieder wachgerufen werden.

 Im zweiten Akt kamen dann die Backdoors auf die Bühne. Der Sänger verwandelte sich gleich wieder in einen Schamanen. Die Musik der Backdoors bewahrt immer ihren Glanz, obwohl die Stücke immer neu interpretiert werden. Erstaunlich, was die Bassistin aus ihrem Saxophon und Jens aus seiner Orgel hervorzauberte. Die Gruppe schafft es immer wieder, das Publikum in ihre Performance mit einzubeziehen, obwohl es in diesen engen Räumen sehr schwierig war. Ständig sah man Blitzlichter aufleuchten, weil die Gäste die Gruppe mit der Kamera einfangen wollten.

 Das Schönste aber war der Schluss an diesem langen Abend. Die Backdoormen und die Backdoors veranstalteten eine kleine Jam-Session. Sie spielten »Little Red Rooster « und improvisierten ganz frei über die dunklen Wonnen, die eine Gitarre verheißen kann. Über dieses Thema hatte Darryl Read auch ein schönes Gedicht geschrieben. Die Sänger brachten etwas Dadaismus ein, spielten mit gleich klingenden Wortlauten, die immer dynamischer vorgetragen wurden. Die Gitarristen wurden an diesem Abend gefeiert und es wurde immer später, der Morgen brach schon an. Ich hatte mich gerade von einer längeren Krankheit erholt und freute mich auf das warme Bett. Ich wäre auch gern noch geblieben und hätte die letzten verwehenden Töne der schönen Jam-Session noch gehört, aber ich sehnte mich auch nach einer Mütze voll Schlaf. Die Freundin von Jim Lizardking war so freundlich, mich in ihrem Auto nach Hause zu fahren. Beim Ausgang des Lokals betrachten wir die Fotos an der Wand. Da war Louis Armstrong auf einem vergilbten Foto zu sehen. Eine Legende des Jazz. Der Schriftsteller Henry Miller hatte seine Buchstaben im Rhythmus dieser Musik noch auf die Walze seiner alten Schreibmaschine geklopft. Ich husche schnell mit meinen Fingern über die Cherry Tastatur meines Computers, lasse mich  von der Musik der Doors immer noch inspirieren, weil es Cover Bands gibt, die es verstehen, den alten Sachen neues Leben einzuhauchen.


Back to the roots

 Der Sommer ist schon wieder ins Land gezogen. Sommer 2009. Die Zeit läuft. Der Himmel war bewegt, als ich mich mit JLK in Altona traf. Die Sonne versteckte sich immer wieder hinter Wolkenfeldern. Wir sprachen über Paris und über die wundervollen Gedichte von Darryl Read, die ich gerade übersetzt hatte. Wir waren gespannt auf das Konzert der Backdoors, die diesmal ein Konzert in einem Bauwagen geben wollten. Wie soll das gehen? Der Bauwagen stand auf einem Parkplatz in der Nähe der alten Flora, also mitten im Sternschanzenviertel. Mal wieder etwas Kultur im Nest der Autonomen, die in diesem Stadtteil immer wieder von sich reden machen.

 Als wir auf dem Parkplatz ankamen, war die Crew schon dabei, die Instrumente in den Bauwagen zu tragen. Das urige Klavier stand schon auf der winzigen Bühne. JLK bot sich mit mir zusammen als Roadie an. Leider durften wir nur zwei Stative für den sympathischen Schlagzeuger die kleine Holztreppe hinauftragen. Der Gitarrist hatte seine blitzende, metallisch klingende Lady schon unter dem Arm. Die Bassistin stellte einen grazil gebauten Bass in die Ecke. Der Bauwagen erinnerte an den Zirkus und im Inneren war es so gemütlich eingerichtet wie in der alten Hippie-Zeit, alles leuchtete in einem schönen Orange. Mir fiel eine Zeile aus einem Gedicht von Darryl Read ein: »Und wir lieben, wenn Blau sich in Orange verwandelt « 

 Im Blau steckt der Blues. Diese Traurigkeit, die sich in der Musik einen Ausdruck verschafft, erhellt sich und endet in einer Sonnenuntergangsstimmung. Jim Morrison hat im Blues immer die Wurzel der Musik gesehen. Sie kommt aus Afrika und berührt auch die Herzen der Weißen, die sich in alten Zeiten an klassischer Musik und den magischen Madrigalen berauscht haben. Als die Backdoors anfingen zu spielen, war auch gleich ein wenig von der New Orleans Atmosphäre zu spüren. Der Sänger hatte kein Mikrophon vor der Nase. Er stand geerdet vor dem Publikum, das gedrängt in dem kleinen Zigeunerwagen saß. Um den Bauwagen herum waren die sommerlich grünen Bäume mit bunten Laternen verziert und überall standen Tische und Stühle. Die Kerzen leuchteten, und es war schon erstaunlich, dass die Menschen, die draußen saßen, die Musik auf wunderbare Weise hören konnten. Die Stimme des Sängers war tragend. Sie war aber auch zart, so dass die Texte und die Musik der Doors ganz neu klangen. In unserer elektronisch verkabelten Zeit ist es mal wieder eine ganz neue Erfahrung, wenn die Musik ohne Verstärker auskommt. Es gibt nur wenige Rockmusiker, die den Mut haben, ihr Können auf diese Art zu offenbaren. Der Sänger hatte die richtige Atemtechnik und die anderen Bandmitglieder waren so herzerfrischend aufeinander eingespielt, dass es eine helle Freude war. Diese Freude spiegelte sich in den Gesichtern der Zuschauer. Die Leute sangen mit und am liebsten hätten sie getanzt, was aber in diesem kleinen Wagen unmöglich war.

 Die Gruppe spielte an diesem Abend auch viele ruhige und beschauliche Stücke. Ich bedankte mich für das Lied »END OF THE NIGHT«, das unplugged ganz zauberhaft klang. Das Wort »unplugged« bedeutet »ohne Steckdose«. Man stelle sich das heute einmal vor: Ein Haus voller Klänge und Musik, aber ohne  Steckdose! Jim Morrison hatte in einen seiner Songs etwas Country-Musik hineingeschmuggelt. Der Sänger machte es lebensecht, indem er sich die Nase mit einer Wäscheklammer zuhielt. Der Humor kam an diesem Abend gewiss nicht zu kurz.

 Die Backdoors hatten an diesem Abend ein buntes Programm. Sie machten immer wieder kurze Pausen zwischen den Liedern. Das kleine Plumpsklo im klitzekleinen Bauwagen nebenan war festlich mit Teelichtern bestückt. Draußen kam man ins Gespräch. Eine Frau, die sehr musikalisch war, trug dem Sänger eine Bitte vor. Um Mitternacht hätte jemand Geburtstag. Ob die Gruppe da wohl den Song vom Spion im Haus der Liebe vortragen könne. Als dieser Zeitpunkt dann unweigerlich kam, stand sie mit einer Kerze in der Hand mitten im Bauwagen. Der Sänger fragte: »Wo ist denn das Geburtstagskind?« Es stellte sich heraus, dass sie es selbst war. Es war ein rührender Moment, als der Sänger die Frau in die Arme nahm.

 Es war schon spät geworden, als die Gruppe »RIDERS ON THE STORM« spielte. Auch das war ohne elektronische Orgel möglich. Der Schlagzeuger zauberte mit seinen Becken einen Klangteppich hervor, der einen Regenschauer imitieren konnte. Der Song »MOONLIGHT DRIVE« klang unglaublich schön, weil der Gitarrist so gut mit dem Flaschenhals umgehen konnte. Am Ende der Session wurden wieder Zugaben verlangt. Weil im Bauwagen Rauchverbot herrschte, wurde eine kleine Jamsession kurz nach draußen verlegt. Der Abend hatte einen schönen Ausklang, unter grünen Bäumen und dem Sternenhimmel.


doorsfeeling im 21. jahrhundert
Backdoors live im Logo Hamburg

 Die Backdoors aus Hamburg interpretieren, wie der Name schon vermuten lässt, die Songs der legendären Doors um den leider früh verstorbenen Rockpoeten Jim Morrison. Die Doors waren zweifellos eine der innovativsten Bands am Ende der 60er Jahre. Ihre bluesorientierte, hypnotische Musik sorgte in Verbindung mit der exzessiven Performance Jim Morrisons für weltweites Aufsehen. Morrisons tragisches Ende bedeutete auch das Ende der Doors, nicht aber für deren Musik, welche immer noch genauso unverändert kraftvoll und tiefschürfend wirkt, wie vor 40 Jahren.

 Das Schlagzeugintro von Who do you love ertönt und die Backdoors betreten mit Percussion-Instrumenten die psychedelisch rot benebelte Bühne. Glaubhaft und symphatisch leiten sie das Publikum für diesen Abend zurück in die 60er Jahre und lassen das Feeling der Doors-Konzerte wieder aufleben. Der Sänger sieht Jim Morrison nicht nur ausgesprochen ähnlich (auch wenn er inzwischen doppelt so alt ist wie Jim Morrison an seinem letzten Tag, wie er stolz von der Bühne verkündet), er schafft es auch, mit seiner sanften Stimme nicht nur den weiblichen Teil des Publikums in Gänsehaut-Stimmung zu versetzten. Auch der Rest der Band überzeugt mit mystischem Sound und beständigem Groove.

 Die Show ist aufgeteilt in 2 Sets, in denen die großen Hits wie The End und Riders In The Strom natürlich nicht fehlen. Das Konzert wird unter tosendem Beifall beendet und die Zugaberufe werden unter anderem mit Light my Fire beantwortet. Ein wirklich schönes Erlebnis!

© Nina Schober